 alle Knospen entfalten sich, zu den vollsten,
herrlichsten Blumen. - Welch eine Gegenwart! - Lass mich schweigen; denn die
Sprache kann zwar das Glück der Vergangenheit und Zukunft schildern, aber die
Seeligkeit des Augenblicks entzieht sich ihrem Ausdruck, gleich einem heiligen
Geheimnis, das nicht ausgesprochen werden darf.
Ich muss Dir schreiben, Julie, - die Tage entfliehen - aber erwarte nur Fragmente
von mir. Ich bin verwirrt, seelig berauscht! - Oft fühl' ich mich den
Himmlischen nahe, und vernehme die Sprache freundlicher, unsichtbarer Mächte,
leise, aber zuversichtlich in meiner Seele! Ganz in Liebe und Harmonie
aufgelös't, tönet die erhabene Musik der Sterne und Welten, in mein Gemüt, die
leichte Scheidewand verweht, und entkörpert tauche ich mich in das unendliche
Meer der Liebe, worinnen die Wesen unsterblich sind! -
    Gestern - Dir das zu erzählen ist heute der Zweck meines Schreibens -
gestern fuhren wir nach Hindelbank, um das berühmte Grabmal von Nahl zu sehen. -
Auf der Reise machte Eduard unsre Verbindung zum Gegenstand aller unsrer
Gespräche. Stolz, feurig und leidenschaftlich, wie er ist, war ich schon die
ganze vorhergehende Zeit mit Bitten, bald, ohne Verzug darein zu willigen, von
ihm bestürmt worden; aber, immer stellte sich Antonios Bild, seinen Wünschen
entgegen; ich musste diesem schreiben; wollte einen Brief von ihm erwarten, und
so hatte ich mutig widerstanden. - Wir kamen an das Grabmal, und da man die
Vorsicht gebraucht hatte, schon vorher die nötigen Läden zu öffnen - was sonst
oft den vollen Eindruck stöhrt - so sahen wir es gleich bei'm Eintritt gehörig
beleuchtet, und empfanden den ganzen Eindruck dieses Kunstwerks. - Ich hatte es
vorher noch nie gesehen, und würde Dir es zu schildern versuchen, wenn es nicht
schon so oft beschrieben worden wäre. Wehmütig gerührt stand ich vor dieser
himmlischen Gestalt, die im Leben für eine der schönsten ihres Landes galt. Die
Nähe des geliebten Mannes, der im blühenden Leben vor mir stand, erfüllte mich
in diesen Augenblicken, mit schmerzlicher Freude; ich fühlte mich glühender, als
je zu ihm hingezogen, und wunderbare Bilder und Ahndungen von Leben, Tod und
Unsterblichkeit, zogen mich in eine tiefe, namenlose Betäubung hin, in der ich
lange schweigend dastand. Die geliebte Stimme weckte mich endlich wie der Ruf
der Engel die Toten. »Teure Amanda,« sagte diese Stimme, die mir in's Herz
drang, sieh' das Leben ist flüchtig, und das Schönste vergänglich, kannst du
noch zögern wollen? - Ich konnte nichts antworten, die Welt verschwand mir, und
ich sank an seine Brust.
Wir sind verbunden. Hier, ganz so wie es
