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verweilen; Phöbe blickte im Glanz ihrer Gottheit in die Wellen und nur leise
Schatten und ein dreimal süsseres Düften der Pflanzen und Bäume, bezeichneten den
ambrosischen Hauch der Nacht. Ganz den Eindrücken der Natur hingegeben, erfüllte
sich mein Herz mit heiliger Sehnsucht. Ihr goldnen Stralen, dachte ich, ihr
Stimmen der Lüfte, ihr aus den Wäldern hervorquellenden Ahndungen, ihr seid
Bilder einer andern Welt! ihr lockt das Gemüt von der Erde hinweg - und du,
schöne Liebe! was bist du anders, als ein Wiederschein aus jener schöneren Welt!
- O! zu sterben im seeligen Gefühl der glücklichen Liebe, welcher Tod könnte
schöner sein? - Dann schwänge sich die Seele auf feurigen Wolken gen Himmel, wie
einst Auserwählte, Lieblinge der Gottheit, und empfände den Tod nicht!
Ich habe seit Kurzem mehrere Briefe von Antonio erhalten, die so schön sind, dass
ich sie Dir gern mitteilen würde, wenn ich mich von ihnen trennen könnte, und
zum Abschreiben jetzt nicht zu träge wäre. Alles, was er mir schreibt, atmet
die innigste Liebe, hohe Geistesfreiheit, reine natürliche Ansicht unsers
Verhältnisses. Ich fühle, dass ich diesen Mann anbeten und lieben muss, und warum
sollte ich nicht? - Die Behauptung, dass wir nur Einmal, nur Einen einzigen
Gegenstand lieben können, ist ein phantastischer, ja schädlicher Irrtum. Wir
begegnen im Leben mehreren Wesen, zu denen uns die Neigung hinzieht, und die wir
lieben könnten, wenn die Mächte des Schicksals die zarte Blume zur Reife
brächten, denn diese Neigung allein ist nicht Liebe zu nennen. Freilich wird
derjenige seltener gerührt, dessen eigenes Wesen seltener ist, freilich rührt uns
ein Gegenstand schneller, ein andrer langsamer, und wir werden desto stärker
angezogen, je mehr wir in dem fremden Wesen, Eigenschaften finden, die uns die
liebsten sind, und dann ist die Liebe am schönsten und vollkommensten, wo das
Schönste, Edelste im Menschen bewegt und befriedigt wird. Aber Fehler selbst
können Liebe erregen, und fester verbinden.
O Julie! wie soll ich Dir sagen, was geschehen ist! - Er ist hier, Eduard ist
hier! Er atmet wieder in meiner Nähe! - Er war auf der Reise nach ***;
unterwegs erfährt er, dass ich hier in Lausanne bin; er eilt hierher;
unvermutet treffen wir uns - o! wie sollte ich es wagen, Dir diesen Augenblick
schildern zu wollen? - Alles, Alles ist vergessen, und ich sehe ihn
liebenswürdiger, liebender und geliebter als je! Wir leben wieder, und
glücklicher, in jener glücklichen Zeit; die Jahre, die dazwischen liegen, sind
eingesunken, über ihre Trümmer drängen sich die Blumenranken jener Zeit frisch
und unversehrt hervor, und
