 Unbeschäftigte, welcher dabei irdische Wünsche in seinem Herzen trägt, in
den Banden der Sklaverei bleibt.
    O! es wird eine Zeit kommen, wo alle Menschen wiederum niederfallen, vor dem
ewigen Wesen, das
    alle Religionen versteht! und ich ahnde, hoffend, dass sie nicht fern ist!
    Geniesse die kurze Zeit, die dir noch vergönnt ist, sagte er, - indem er mir
mit einem wunderbaren Ausdruck von Rührung und Mitleid ins Auge sah, - der Erde
und der Gegenwart. Folge deinen Neigungen, wenn sie wahr und natürlich sind,
aber verehre in deiner Seele, unermüdet, das Göttliche, was du in dir fühlst,
und lass dein Gemüt, nicht von den irrdischen Sorgen und Freuden mit Unruh
erfüllt, und herniedergezogen werden.
Es war spät geworden, als ich den heiligen Bewohner der Einsiedelei verließ. Die
Sonne ging mit namenloser Herrlichkeit unter, und strahlte einen überirdischen,
goldnen Schimmer an die Häupter der fernen Schneegebürge! »Sonne! - sagte der
fromme Bruder, mit sanft erhöhter Stimme, aber immer gleicher, ruhiger Miene, -
Du bist mir das Bild der Gottheit! und du reiner Äther, der, allgegenwärtig
Alles durchdringt! und wie der Liebende das Bild seiner Geliebten verehrt, also
ich euch!«
    Ich bat meine Begleiter unter dem Vorwand einer kleinen Unpässlichkeit - und
wirklich fühlte ich mich körperlich nicht ganz wohl - mir meinen Beitrag zur
Unterhaltung für heute zu erlassen, und kam schweigend, aber voll ernster,
wunderbarer Eindrücke nach Hause.
 
                               Zwanzigster Brief
                                Amanda an Julien
Ich bin nun in Lausanne am Ziel meiner Reise angelangt, wo ich mehrere Monate
zubringen werde. Der Himmel ist mir so freundlich, dass er die schönsten
Herbsttage herabsendet, die nur je die Erde mit ihren blühenden Kindern, für den
nahen Abschied der geliebten Sonnenwärme, schadlos gehalten haben. - Ich fühle
mich unbeschreiblich wohl, ob gleich ich es, der Behauptung meiner Begleiterin
nach, nicht sein soll. - Gestern fuhr ich auf dem Spiegel des Sees, und genoss
eines wunderbar schönen Abends. Das leuchtende Auge des Tages blickte, nach
einem, für diese Jahreszeit ganz ungewöhnlich heißen Tage, noch einmal durch
dunkle Wolken über die glühende Erde, und verbarg sich hinter die Gebirge; nur
an den hohen Berghäuptern schimmerte der feurige Schein. Drohende Gewitterwolken
zogen wie ein furchtbares Kriegsheer vorüber, und schauten übermütig herab, auf
die reifen, schwellenden Früchte, und die bunten, lächelnden Blumen, die sie in
einem Augenblick zertrümmern konnten. Schwer atmeten die Geister der Lüfte, die
Vögel waren verstummt. Da nahte der freundliche Abend, und schlang um die
glühende Erde seine leichten Schattenarme. Die Natur schöpfte wieder Atem und
verhüllte sich in den zarten Schleier der Dämmerung. Der See schien
