
Zusammenhang ist zwischen Mathilden und dieser Blume? Jenes Gesicht, das aus dem
Kelche sich mir entgegenneigte, es war Mathildens himmlisches Gesicht, und nun
erinnere ich mich auch, es in jenem Buche gesehen zu haben. Aber warum hat es
dort mein Herz nicht so bewegt? O! sie ist der sichtbare Geist des Gesanges,
eine würdige Tochter ihres Vaters. Sie wird mich in Musik auflösen. Sie wird
meine innerste Seele, die Hüterin meines heiligen Feuers sein. Welche Ewigkeit
von Treue fühle ich in mir! Ich ward nur geboren, um sie zu verehren, um ihr
ewig zu dienen, um sie zu denken und zu empfinden. Gehört nicht ein eigenes
ungeteiltes Dasein zu ihrer Anschauung und Anbetung? und bin ich der
Glückliche, dessen Wesen das Echo, der Spiegel des ihrigen sein darf? Es war
kein Zufall, dass ich sie am Ende meiner Reise sah, dass ein seliges Fest den
höchsten Augenblick meines Lebens umgab. Es konnte nicht anders sein; macht ihre
Gegenwart nicht alles festlich?
    Er trat ans Fenster. Das Chor der Gestirne stand am dunkeln Himmel, und im
Morgen kündigte ein weißer Schein den kommenden Tag an.
    Mit vollem Entzücken rief Heinrich aus: Euch, ihr ewigen Gestirne, ihr
stillen Wandrer, euch rufe ich zu Zeugen meines heiligen Schwurs an. Für
Mathilden will ich leben, und ewige Treue soll mein Herz an das ihrige knüpfen.
Auch mir bricht der Morgen eines ewigen Tages an. Die Nacht ist vorüber. Ich
zünde der aufgehenden Sonne mich selbst zum nieverglühenden Opfer an.
    Heinrich war erhitzt, und nur spät gegen Morgen schlief er ein. In
wunderliche Träume flossen die Gedanken seiner Seele zusammen. Ein tiefer blauer
Strom schimmerte aus der grünen Ebene herauf. Auf der glatten Fläche schwamm ein
Kahn. Matilde saß und ruderte. Sie war mit Kränzen geschmückt, sang ein
einfaches Lied, und sah nach ihm mit süßer Wehmut herüber. Seine Brust war
beklommen. Er wusste nicht warum. Der Himmel war heiter, die Flut ruhig. Ihr
himmlisches Gesicht spiegelte sich in den Wellen. Auf einmal fing der Kahn an
sich umzudrehen. Er rief ihr ängstlich zu. Sie lächelte und legte das Ruder in
den Kahn, der sich immerwährend drehte. Eine ungeheure Bangigkeit ergriff ihn.
Er stürzte sich in den Strom; aber er konnte nicht fort, das Wasser trug ihn.
Sie winkte, sie schien ihm etwas sagen zu wollen, der Kahn schöpfte schon
Wasser; doch lächelte sie mit einer unsäglichen Innigkeit, und sah heiter in den
Wirbel hinein. Auf einmal zog es sie hinunter. Eine leise Luft strich über den
Strom, der eben so ruhig und glänzend floss, wie vorher. Die entsetzliche Angst
raubte ihm das Bewusstsein
