, in der unendlichen Zahl seiner Brüder unsichtbar untergehend. Ich
saß am Turme zu den Füßen Otiliens. Ihre Hand lag dicht neben der meinigen, und
ich schien mit dem Rande des Gewandes, das sie bedeckte, zu spielen, es war ein
solches Spiel des Lebens. Eusebio stand hinter ihr, und legte ihr die Haare in
Flechten. Ich empfand eine Kühnheit in mir, die schnell in eine große Ruhe
zerfloss, als habe mein erhöhtes Dasein meine Kühnheit wieder eingeholt. - Meine
Sehnsucht war durch die ihrige umarmt, und meine Hand lag in der ihrigen. - So
war ich aufgelöst in der Natur, die mich umgab, und in der ich nun alles umgab.
    Leise, wie ein Lied des Danks, zündete sich Eusebios Stimme am Monde an, der
seinen Blick über den Bergen öffnete, ich sah ihr Auge nicht glänzen, denn sie
blickte zu mir herab, ich fühlte den Puls in ihrer Hand, und die sanft
schimmernde Nacht wandelte um uns her. - Eusebio sang:
Sieh, dort kommt der sanfte Freund gegangen,
Leise, um die Menschen nicht zu wecken;
Kleine Wölkchen küssen ihm die Wangen,
Und die schwarze Nacht muss sich verstecken.
Nur allein
Wer mit Pein
Liebt, den kühlet sein lieblicher Schein.
Freundlich küsset er die stillen Tränen
Von der Liebe schwermutsvollen Blicken,
Stillt im Busen alles bange Sehnen,
Alles Leiden weiß er zu erquicken.
Liebe eint,
Wenn erscheint
Ohnvermutet die Freundin dem Freund.
Auch mich kleinen Knaben siehst du gerne,
Kömmst mit deinen Strahlen recht geschwinde,
Mir zu leuchten aus der blauen Ferne,
Wenn ich Tiliens seidene Locken winde.
Zuzusehn,
Bis wir gehen,
Wenn die kühleren Nachtwinde wehn.
Als Eusebio die Worte sang:
Liebe eint,
Wenn erscheint
Ohnvermutet die Freundin dem Freund, -
fühlte ich, dass sich unsre Hände dichter verschlangen, und dass mein Dasein in
dieser Minute alle Wichtigkeiten meines Lebens aufwog.
    O Römer! es wohnt soviel Freude um uns und schmachtet unerkannt, aber wir
gehen stolz vorüber, und unser ungebärdiges Wesen macht die zarte Tochter des
Himmels so menschenscheu. In dem einklingenden Akkorde unsres äußern und innern
Lebens kommt sie uns zu umarmen. Wenige Auserwählte nur erreichen das Rückkehren
einer selbstgeschaffenen schönen Welt der Kunst in sich, in die liebende lebende
Natur, und alle Klagenden konnten die Oktave höher nicht erreichen, und sind zu
stolz, aus den paar errungenen Tönen in das Echo des reinen Grundtons
zurückzukehren.
    Itzt sehe ich, dass mir der Stoff des Glückes fehlte, der stille einfache
Friede, in dem sich alle Sehnsucht beantwortet, wie die Welle im Teich. Alles
dieses hat mir die Liebe gegeben. Es ist mir ein reines kunstloses Weib
begegnet, und sie hat alle
