 aussieht. Gott sei Dank, liebe Klaudia, dass ich in diesem Säkulo
geboren bin, wo solche erhabene Wissenschaften getrieben werden. Adieu.
 
                                 Godwi an Römer
Werden wir uns wiederkennen, Römer, da der Wechsel die Dinge nun ergriff und in
der Werkstätte des Lebens wir, andere Bilder, dastehen? Werden wir unsre Herzen
herausfinden aus diesen Falten augenblicklicher Stimmungen? und wann werden wir
ewig unveränderlich, nackt und vollkommen die schönste Vollendung unsrer
Eigentümlichkeit sein? wo kein äußeres Zeichen mehr unsre Ordnung bestimmt,
sondern wir selbst ein einziges, unteilbares Zeichen für unser höchstes Dasein
sind.
    Ich fand dich wieder in deinem zweiten Briefe, in dem dich das Leben so bunt
vermummt hatte. Ich kann dich auch so und vielleicht so noch mehr lieben,
obschon du die Narben vieler Abenteuer der äußern und innern romantischern Zeit
deiner Jugend trägst, und mir kein Einzelner mehr erscheinst.
    Wie ist dir? du Armer! Soll ich den aufrichten, der mich nicht aufrichten
konnte?
    Dein Urteil war in deinem ersten Briefe weiter als dein Leben, und dein
Geist richtete an der Wiege deiner Handlungen über die Sünden deiner
Männlichkeit. - Ich erkühne mich nicht, über diese Zufälle auszusprechen, denn
ich achte nicht die Gefahr, nein! nur die Süßigkeit des Lebens.
    Man soll mich nie eines Eingriffs zeihen in das stille feierliche Weben der
Liebe durch die Natur, womit sie uns dicht nebeneinander in die bunten
Farbenmelodieen des Lebens verschlingt.
    Nie habe ich den lächelnden Ernst und die kindische Feier dieses heiligen
Gewerkes mehr empfunden als jetzt. Auch mich hat die Liebe mit unendlich zarten
Armen umfangen, und an das warme lebendige Herz der Natur sanft herangezogen.
Ich stehe nicht mehr allein, trotzig und kühn die Welt zu beschauen, und ihren
tausendfachen Schritt, und das Begehren und Hingeben ihrer glühenden
Pulsschläge. Ich bin im Leben, o Freund, und wo? In seinen unschuldigsten
Blicken, in den freundlichsten Grübchen seiner Wangen, in der teilbarsten Fülle
seiner Lockenflut, und in seinen zartesten Träumen.
    Alle meine Pläne, alle meine Hoffnungen sind freiwillig losgetrennt von mir,
ich sah sie ruhig, mit wehmütigem Entzücken leise über mir hinwegschweben, wie
mächtige, leichte Luftbälle, als habe sie die in uns so traurig gefangene
Allgemeinheit des Lebens als ein Bild ihrer schönen verlorenen Freiheit
erschaffen, das sich ungetreu von dem Künstler losreisst, um sein Urbild zu
suchen, als habe die sehnende Einsamkeit meiner Seele einen herrlichen Boten
ihres Verlangens in den unentdeckten Himmel gesandt. Aber Freund! es ist nur ein
freudiges herzerhebendes Schauspiel geworden für meine Liebe und mich; da ich
mit ihr den fliehenden Kugeln nachsah, drückte sie mich sanft in die Arme, und
mein Herz ward größer, je kleiner die entwichenen aufwärtsschwebten. Sie waren
