 fand ich zufällig eine Sammlung von Gedichten in London,
die ich für die ihrigen erkannte. In der Vorrede fand ich die Anzeige der
Herausgeberin, dass die Verfasserin tot sei. Ich konnte nie erfahren, wer die
Herausgeberin war.
    Meine Freundin hatte in der Zeit, da ich meinen Weg von dem ihrigen trennte,
mehr gedichtet als gewöhnlich, und eines ihrer Lieder hat mich wunderbar
gerührt. Es ist mit dem Namen des Tags nach der Geburt Karls überschrieben, da
sie also schon geflohen war. Das Lied ist ein Quartett zwischen dem Monde, der
Sonne, der Nacht und einer geblendeten Nachtigall, die sich zu Tode singt, weil
sie die Stunden der Ruhe nicht mehr erkennen kann. So gehen ihre Lieder
allegorisch fort, und nähern sich zum Ende einem ganz eignen Sterben in sich
selbst; alles, was mit den Sinnen erkannt wird, schwindet mehr und mehr. So
klagt sie, dass der Mond immer dunkler werde, und die Sonne immer matter. Auch
ist ein Klagelied darunter, an die ewige Dämmerung, die schon mehrere Wochen
daure; dann ein Ruf an die fliehende Natur, die Bitte, nicht so schnell zu
fliehen, damit das Mädchen mitkönne; dann ein Lied an das Leben, das einzige, in
dem sie von Menschen spricht, und das letzte, die Wiedergeburt genannt. Sie
beschreibt in ihm, wie sie in die tote Natur zerrinnt, wie sie nun die Rolle
wechseln und so nach dem Leben schauen und das Lebendige besingen werde, wie sie
bis jetzt der toten Natur getan habe. -
    Wie wenig ich mich zur Dichterin schicke, beweist schon, dass ich immer auf
den Verfasser zurückkehre. Ich kann nicht lange auf dem Gedichte verweilen,
gleich überrasche ich mich auf dem Gedanken: »Welche Seele! die so dichtet«, und
nie habe ich die Schönheit des Werks, immer nur die Kraft und die Fülle des
Meisters geliebt. Die Dichtkunst ist mächtiger als Malerei; wie mir jene
Herabzerrung des Ideals ist, so ist mir diese Beflügelung desselben oder doch
wenigstens völliges Erreichen. In der Poesie übergebe ich das Werk sich selbst,
und die Macht, welche bildet, bildet sich selbst, denn das Werk ist in ihr die
ganze Kraft des Meisters. Ich habe in ihr mit der Phantasie begehrt, und erfülle
mit einer ebenso großen Gewalt, mit der Phantasie. Die Bildung verhält sich in
ihr zum Ideal wie die Sprache zum Denken, in der Malerei aber wie die Farben,
die Gestalt zum Denken. Ich kann mein Ideal in mir in der gedrängtesten Gestalt
empfinden, und es in der Dichtung unendlich ausbreiten und entfalten, denn das
Wort hat Farbe und Ton, und beide haben Gestalt. So kann ich mit den Geistern
