 S.'s Hand stärker und S. hat ihm nicht
weiter vorgelesen.
    Man hatte mich auf das Schloss gerufen. Als ich hinaufkam, saß S. an dem
alten Turme und sah still in den Abend. Seine Hand wies mich in die kleine
Kirche. Lächelnd lag der bleiche Freund in dem besten Ruhebette. Die kleine
Sophie legte ihm Rosen in die Hände. Als ich heftig an ihm niedersank, ihn zu
umarmen, bat mich das Kind leise: »Wecken Sie ihn nicht! Er hat lange nicht so
gut geschlafen, und wie wird er sich freuen, wenn er aufwacht und die Rosen
sieht!« -
    Wir teilen dem Leser noch die bei dieser traurigen Gelegenheit erschienenen
traurigen Gedichte traurig mit.
                                       I
                                  An S .... y
Erhebe dich von dem verschlossnen Munde,
Komm von dem Lager, wo Maria ruht:
Er schläft so heiter, ruhig, still und gut,
So lächelnd sah er der Befreiung Stunde;
Noch streitend fühlt er schon, dass er gesunde,
Frei wird in seiner Brust der höhre Mut,
In Ahndung löst sich die verschwiegne Glut,
Geheilt ist bald des Lebens tiefe Wunde.
Maria schläft: verschlossen ist sein Mund,
Er ist die Antwort schuldig mir geblieben,
Ach, wirst denn du sie meiner Liebe geben?
Ist es denn wahr? kann denn der Mensch nicht lieben?
Ist keine Wahrheit in dem dunklen Leben?
Wird jeder Schmerz im Tode nur gesund?
 
                                       II
                                   Nachgefühl
                                    von N.M.
Wenn die Blumen wieder blühen,
Regt es sich im stillen Herzen,
Wenn die Rosen wieder glühen,
Fühl' ich tiefer Ahndung Schmerzen.
Tränen rinnen von den Wangen,
Meine Blicke muss ich senken,
Stiller Sehnsucht zart Verlangen,
Fasst des Freundes Angedenken.
Ach und niemand kann mir sagen,
Wo der teure Freund geblieben,
Trauer hätt ich gern getragen,
Gern ein Lied auf ihn geschrieben!
 
                                      III
                                 Als Stammblatt
Bitter tadelst du den Schöpfer,
Dass er deinen Freund zerstöret,
Und dass er ihn nur deswegen
In des Lebens Mitte führte,
Um dann auf dem letzten Blatte
Der Verwesung ihn zu weihen.
Nicht den Schöpfer, nein das Leben,
Trifft, o Freund, dein bitterer Tadel!
Ach, das Leben ist so kurz,
Ach, so kurz und doch so lang!
Ist es denn auch nicht das längste,
Lass es uns zum dicksten machen!
Sein Gebein stürz in den Abgrund,
Lebt er doch im Grunde ewig.
Sein Geist, der ewig schaffende,
Lebt tönend fort in dir und mir,
Von einer Messe zu der andern
Ertönet sein belebend Werde,
Das ist das Los des Schönen auf der Erde.
 
                                       IV
Der duftgen Wolken Schleier
Verhüllt der Landschaft Moor,
Um fallendes Gemäuer
Klagt der
