 ich habe es den folgenden Morgen zu übersetzen
gesucht, aber es war durch die Eigentümlichkeit seines Ausdrucks ebenso schwer,
als das Gemälde zu kopieren sein würde. Diese Übersetzung füge ich hier bei und
bitte, dass Sie immer Ihre Augen auf das Bild wenden, während Sie sie lesen.
    Über dem Gedichte standen folgende Worte in Prosa, als Einleitung:
    Es wollte Abend werden, da saß ein alter Harfenspieler an einem öffentlichen
Spaziergange, um ihn her wandelten Jünglinge und Männer, die sich teils
geschäftig bewegten, teils gravitätisch schritten und sehr nachdrucksvolle
Bewegungen machten; einige lächelten auch bedeutend, oder sahen gerührt gegen
den Himmel; keine Jungfrau war zugegen, die Schüchternheit hatte sie
zurückgeführt in ihre Wohnungen, sie saßen in dem einsamen Garten des Hauses
oder an dem Fenster ihrer Kammer, und sehnten sich, wie sich die Jungfrau Gottes
sehnte, ehe der Geist über sie kam. Das wusste der Greis, denn es war ihm sein
liebstes Kind gestorben, ach! und er wusste ja nichts als das. Sie sagten von
ihm, wenn sie an ihm vorübergingen, er sei ein schwärmerischer Mann, der nur
Ideale im Kopf habe, und dem es an respektablen Gefühlen mangle. Er aber sang
folgendes Lied zu seiner Harfe.
                                   Der Abend
Nach seiner Heimat kühlen Lorbeerhainen
Schwebt auf der goldnen Schale
Schon Helios, es glühen rings die Wellen,
Der Ozean erschwillt in frohen Scheinen,
Die wie mit Blitzesstrahle
Die ernste Nacht der fernen Ufer hellen,
Und über alle Schwellen
Ergiesst der Gott die stillen Feuerwogen
Zum ewgen Himmelsbogen,
Dass von den Bergen durch das dunkle Leben
Des Tages Flammen wiederhallend beben.
Hoch auf den Bergen wehen seine Flammen,
Den raschen Mann zu führen,
Der seiner Reise Ziel noch nicht errungen,
Er strahlet mit dem Glanze stets zusammen,
Wenngleich die Füße gleiten,
Bleibt von dem Lichte doch sein Haupt umschlungen.
Nie von der Nacht bezwungen,
Lenkt ruhig nach der Sterne heilgem Feuer
Das ernste Schiff den Steuer
Und wandelt heimwärts durch die dunkeln Fluten,
Vertrauend auf des Leuchtturms hohe Gluten.
Vom kühnen Felsen rinnen Lichter nieder,
Die Täler zu ergründen,
Und wo des Feuers milde Quelle zieht,
Verglimmen bald des Haines wilde Lieder,
Denn alle Töne schwinden,
Bis sie des Abends Flammen rein geglühet -
Und welch ein Lied erblühet -
Es flicht die Nachtigall die goldnen Schlingen
Und süß gefangen ringen
Im Liede Liebesschmerz und Schmerzes-Liebe,
Dass Schmerz in Liebe, Lieb in Schmerz sich übe4.
So drang der Töne Frühling aus dem Schweigen,
So auch in reinen Seelen
Des Tages wilde Kämpfe bald zerrinnen,
Wenn Lieb und Schmerz sich hold zusammenneigen,
Die Zwietracht zu verhehlen,
Und rührend doch den ewgen Streit beginnen.
Ach keine mag gewinnen! -
Ein Wundergift fließt beiden
