 Liedes Lieb und Leiden
Der Genius der Lyra goldne Saiten.
                                 Viertes Relief
Der Genius hält siegend sie umwunden,
Aus seiner Lippen liebevollen Hauchen
Trinkt Lieben sie, im Strahle seiner Augen
Trinkt sie den Tod in lusterschlossne Wunden.
Sie stirbt im Licht; die Binde losgebunden,
Muss sie in ewge Blindheit untertauchen,
Da ihre Küsse heilges Leben saugen,
Im Wahnsinn muss der Sinne Wahn gesunden.
Das Haupt verhüllt in loser Locken Fluten,
Streckt sie die Hand, die Lyra zu erlangen,
Die hoch erhebt, der Schwan reckt seine Schwingen,
Das Tambourin, in dem die Tauben ruhten,
Zertritt sein Fuß, den Faun sieht man gefangen
In jenem Gürtel an der Erde ringen.
 
                                 Die Apoteose
                                    Kanzone
                                     Gebet
Es ruht ein holdes Bild vor meinen Blicken
So kühn und mild verschlungen,
Wie Lieb und Lied, wie Kuss und Tod verwebet,
In Sehnsucht strebt es auf, weilt mit Entzücken,
Von Wollust ganz durchdrungen,
Des Bildes innres Heiligtum erbebet,
Still zu den Göttern schwebet.
Ich kniee an des Bildes Marmorstufen,
All meine Sinne rufen:
Gib Liebe mir und Lied in Tod und Leben,
Lass mich mit dir zum stillen Himmel schweben!
                                   Das Gewand
Die Jungfrau steigt von nackter Lust umflossen
Aus des Gewandes Falten,
Die halb in schöner Ungestalt herabgelassen,
Halb gierig noch, so buhlerisch ergossen,
Die üppigen Gestalten
Der Hüften ihr verräterisch umfassen,
Den holden Leib nicht lassen.
So zarte Hülle kann nur Dämmrung weben,
Will Phoebus sich erheben.
So küsst das Meer des Gottes goldne Füße,
Und fern noch glimmt die Glut der goldnen Küsse.
                                    Violette
Ein schweres Leid strömt durch die holden Glieder,
Die Schwere kämpft mit Schweben,
Die Hüften ringen himmelan zu dringen,
Der Kopf sinkt sterbend auf den Busen nieder;
Um schneller sich zu heben,
Muss sie die Rechte um den Genius schlingen.
Hoch auf des Schwanes Schwingen
Schwebt er, zur Lyra ihre Rechte strebet,
Die seine Linke hebet,
Und mächtig hebt er sie mit seiner Rechten,
Verschlungen in der losen Locken Flechten.
                                   Der Genius
Er, der am Boden freundlich nur geschienen,
Voll Huld und milder Treue,
Schwebt ernst empor in göttlichen Gedanken,
Des Sieges Feier strahlt von seinen Mienen,
Er lässt in stiller Weihe
Sich von des armen Kindes Arm den schlanken
Geschwungnen Leib umranken,
Ihn hebt der Schwan, und um sie nicht zu lassen,
Muss er ihr Haupthaar fassen.
Des hohen Werkes heilgen Schmerz entzündet
Die Hand, die er in ihre Locken windet.
                                   Das Ganze
Das ganze Bild, in Einigkeit verbunden,
Gleicht rührendem Gesange,
Wie heilige Gebete aufwärts dringen.
Im Herzen glühen ihm so tiefe Wunden;
Mit schmerzenvollem Drange
Muss es nach Lieb und süßen Tönen ringen,
Zu Ruhe sich zu schwingen.
