 Ehe, wie alles Gute sich in die Poesie flüchtete zur Zeit der
Barbarei, und sie stehen jetzt noch da, wie einst die romantische Poesie
dastand.
    So hatte ich gedacht, auf den Marmorstufen sitzend, den Kopf mit
geschlossenen Augen in die Hand gelehnt.
    Ich fühlte den kühlen Tau auf meinen Händen, stand auf und öffnete die
Augen. Der Mond zerschmolz in das Licht des Morgens, und es war mir, da ich in
die freudige Welt hineinblickte, als lächelte sie meiner Träume, und ich wäre
aufgestanden wie eine Blume, die in dem Bach ihr Bild nur sieht, und tiefer den
Himmel. Als ich auf die andere Seite des Bildes trat, lag die Röte des Morgens
am Himmel.
    Der Erde gehört dies Rot und nicht der Sonne. Bald drangen die ersten
Strahlen meiner siegenden Kolonie zum Himmel, und küssten alle Tränen des Taues
von der Erde; sind doch Tränen ihr einziges eigenes Gedeihen!
    Ich wendete mich nun zum Bilde, und es schien zu leben; das rote Licht
strahlte dem Genius um Haupt und Herz, goss Leben und Blut durch das Ganze, und
spielte dem nackten Mädchen um den Busen und den geheimnisreichen Schoss. Die
Sonne wollte schneller in die Höhe, und jeder Strahl wollte das Denkmal der
Schwester dem schamroten Lichte der Erde entreißen.
    Vor mir war das Bild gleichsam geboren. Ich sah es in der Nacht wie in Liebe
und Traum, im Mondlichte wie mit dem Begehren, erschaffen zu werden, in des
Morgens Dämmerung wie in der Ahndung des Künstlers, mehr und mehr in den Begriff
tretend, und ich stand vor ihm und sah, wie es hervordrang mehr und mehr in die
Wirklichkeit, und endlich zum vollendeten Werke ward im Glanz der Sonne,
getrennt von dem Schöpfer, der nur ein Gebärer ist, für sich selbst, mit allen
Rechten seiner Gattung.
    Als es so vor mir stand, wie aus der Finsternis erstiegen, wie erblühet,
gestaltet und frei, drang es heftig auf mich ein, und forderte von mir, was es
war; es begehrte mit Gewalt, dass ich es erkenne, und ich fühlte mit Freude in
meiner Brust, dass ich es erkannte, und dass es und ich in der Dunkelheit sein
Begehren war, und dass sein Erlangen mit dem Lichte kam, in mir und in ihm.
    Anfangs hatte ich nur den Totaleindruck seiner Eigentümlichkeit und so rein,
als seine Vortrefflichkeit ihn geben musste - Wollust, Jugend, Freiheit, Liebe
und Poesie im Siege des Wahnsinns den Göttern geopfert. Da ich aber von seinem
Ausdruck durchdrungen war, da ich es in mich aufgenommen hatte mit seinem
Willen, da ich es liebte, forschte ich nun freundlich nach seiner Entstehung -
wie ist dir?
