
Aus Kraft und nicht aus Reue dringt,
Was die Vergangenheit verschlingt.
Nie darf die Erinnerung mit Neid nach der Gegenwart blicken, auf den Gräbern
wollen wir tanzen, wenn wir Leben kennen und sterben können.
    Ich stehe wieder wie ein Kind im Leben wie ein mächtigeres Kind eines
mächtigeren Lebens. Und jetzt soll ich mich auf das Ehemals besinnen, da mir die
Gegenwart meine ganze Möglichkeit so süß vereinzelt hinbietet?
    Es ist mir, als ob alle dunkle sehnsüchtige Stunden meiner Jugend voreilige
mutige Boten der Zukunft gewesen wären, die ich jetzt verstehe.
    Meine Liebe zu der Engländerin war voll Kenntnis, voller Übung aller
selbstischen Bemühung des Herzens in der Leidenschaft. Es war eine Liebe, wie
die des Naturforschers zur Natur, die er in Kabinetten mit seinem Leitfaden in
der Hand überrascht, und in seinem Laboratorium chemisch in einem Schmelztiegel
küsst.
    Jetzt hat mich die allgemeine Verbindung einer Schweiz umarmt. Das Leben
wiegt sich wie ein Blumenkranz in meinen Locken, den Tilie hineingelegt. Ich
fühle ihn nicht, und meine Phantasien wohnen in seinen Kelchen. Nie wird ihn
mein Geist entblättern, denn mein Gemüt hat sich wie Dank und Rausch an Frühling
und Liebe entzündet. Die Stimme meines stillen innern Danks spricht wie die
Liebe im Liede der Nachtigall, aus Liebe, ohne Liebe zu dichten.
    Ich liebte die Engländerin, weil sie meinen Sinnen schmeichelte, weil sie
meinem Bedürfnisse und meinem Geschmacke das Bild der Natur hinzureichen schien.
- Aber sie kam nur von der missverstandenen Kunst zurück - dies Bild war nicht
rein, der Zwang hatte hie und da einen schmerzhaften Zug zurückgelassen - es war
Genesung, die nimmer Gesundheit wird.
    Tilien liebe ich, weil sie so ist, denn die Gesundheit allein ist
liebenswürdig. Sie war nie anders, sie ist nie so geworden, und wird nie anders
werden. Sie ist so, und ewig so.
    Sie schafft sich ewig selbst, und weiß es nicht. Jede Minute ihrer Schönheit
wird durch sie, und sie ist das Kind jeder Minute ihrer Schönheit. Wie die Liebe
ihren Busen hebt, so ist ihr Busen das göttliche Gefäß ihres liebenden Herzens.
    Äußere Dinge bestimmen sie nur, insofern sie in die unwandelbare treue Folge
der Lebensaussprache tritt, in deren sittewechselnden Bildungen sie eine
wunderbar ehrwürdige Urgebärde geblieben ist.
    Sie selbst steht da wie die Natur im schönen Menschen; ihre Gedanken, ihre
Worte, Gebärden und Mienen, ihre ganze Erscheinung ist der heiligsten Anschauung
fähig. Man könnte jede Folge ihrer Äußerung mit schönen abwechselnden Bildern
allegorisieren.
    Wenn ich mir sie denke, wie sie sich bewegt, wie sie spricht oder singt, so
sehe ich eine Reihe schöner weiblicher Gestalten in harmonischen Wellen vor mir
hinschweben, die sich bald mit ihren zarten Armen,
