 ist: weinend und beklommen seh' ich über das Meer an die stille Insel,
worauf du wohnst. - O dass es so lange wird, bis wir uns sehen, dass du nicht
gleich jeden Gedanken aus meinem Herzen schöpfst und ich aus deinem! Warum
stellt mir das Ausbleiben deines Briefs auf einmal größere Schmerzen, ach die
größten vor die Seele? Warum denk' ich: die tiefsten Schmerzensstriche auf
unserer Stirn, die Runzeln des Lebens sind nur kleine Linien aus dem ungeheueren
Bauriss, den der Weltgeist zieht, unbekümmert, welche Stirnen und Freuden seine
Glückslinie schmerzhaft durchschneide? - Wenn diese Linie einmal durch unsere
Liebe ginge vergib den voreilenden Schmerz; in diesem Leben, dem Wechsel
zwischen Strichgewittern und Sonnenblicken, ist er wohl erlaubt...«
                                       *
Hier unterbrach ihn die Freude und Dian in Begleitung eines Ischianers, der
einen Brief von Linda brachte, um seinen mitzunehmen. Er las ihn heftig und gab
seinem noch die Worte wie eine Freudenträne mit: »Übermorgen komm' ich auf die
Insel. Was ist die Erde gegen ein Herz! Du bist mächtig, du hältst mein ganzes
blühendes Dasein empor in den Himmel, und es stürzt auf dich, wenn es stürzt.
Lebe wohl! Ich fürchte wahrlich weder das heiße Öl noch die Flamme der Psyche.«
- Hier ist Lindas Brief:
»Wir beide leben sehr still, seit der artige Flüchtling auf Bergen und in
Palästen umherschwärmt. Wir sprachen fast zu viel von ihm und ließ uns noch
dazu die schwatzende Agata holen, um gar von seiner Reise zu erfahren. Ihre
Julie ist voll Segen und Hilfe für Linda. Noch nie sah' ich eine so klare,
bestimmte, scharf durchblickende und doch kalte Natur, die nur gebend liebt,
mehr als liebend gibt. Sie wird zwar nie die Schmerzen fühlen, die Venus Urania
ihren Erwählten schenkt; aber sie ist eine geborene Mutter und eine geborene
Schwester; und ich frage sie zuweilen: warum hast du nicht alle Brüder und alle
Waisen?
    Seit dem Erdbeben bin ich etwas kränklich. Ich habe es vielleicht nicht
gewohnt, zu lieben und so zu sterben. Ich nehme ein philosophisches Buch - denn
Dichter greifen mich jetzt zu heftig an - und glaub' ihm noch zu folgen, wenn
ich schon längst weggeflogen bin über das Meer. Ich lese jetzt das Leben der
herrlichen Guyon, diese weiß, wie man liebt - dieser göttliche Affekt gegen das
Göttliche, dieses Selbst-Verlieren in Gott, dieses ewige Leben und Bestehen in
einer großen Idee - diese wachsende Heiligung durch die Liebe und die wachsende
Liebe durch die Heiligung! Mir entsinkt das Buch, ich schließe die Augen, ich
träume und weine und liebe dich. O Albano, komme früher
