, und
wie Morgenröten zweier Welten schmolzen ihre Lippen zusammen. Linda schloss die
Augen und küsste zagend, und nur ein einziges Leben und Glück rollte und glühte
zwischen zwei Herzen und Lippen. Julienne umschlang leise die Umarmung mit ihrer
und begehrte kein anderes Glück. Darauf schieden alle, ohne wieder zu sprechen
oder sich umzusehen.
 
                                   113. Zykel
Albano flog mit der neuen Hastigkeit, die jetzt in seinen Handlungen regierte,
schon unter dem kühlen Morgenstern von dem glücklichen Boden davon. Er sagte dem
Baumeister Dian sein ganzes Glück, weil er wusste, wie sehr der Mann noch ein
Jüngling für die Liebe blieb; »bravo!« (antwortete Dian) »Wer kann ohne Liebe in
Italien auskommen? Unsereiner wenigstens nicht. Hoffentlich ist Eure prächtige
Juno gegen Euch nicht so stolz wie gegen andere Leute: dann mags wohl ein
Götterleben geben.«
    In den Morgenlüften, von Sonne und Woge angestrahlt, schwebt' er gleitend
auf dem blauen Spiegel-Meer zwischen zwei Himmeln, und sein Auge war selig, wenn
es nach dem Olymp, Epomeo, zurücksah, und war selig, wenn es wieder auf die
hinauf- und hinabschimmernden Küsten, auf den langen ausgelegten Markt der Erde
blickte.
    Als sie unter den schwimmenden Palästen, den Schiffen, vorbei an die
stehenden kamen: trafen sie das Volk im Taumel eines Heiligen-Festes. Er vergrub
gezwungen den blauen Tag und das Meer in Tempeln - in Bildersälen - in vierten
Stockwerken, wo nach der Sitte einige Große wohnten, an welche er von seinem
Vater Briefe abgab - und schöner in der unterirdischen finsteren Gasse, die sich
durch den blühenden Posilippo wölbt.
    Nur der Aussicht, dass er in der ersten nächsten Einsamkeit mit dem
entrückten Herzen reden werde, beruhigte seinen immer aus der Gegenwart
fliehenden Geist. Abends bestiegen sie die schönste Höhe über Neapel, das
Kamaldolenser Kloster, wo er unter den Freuden der Aussicht in grauer Ferne
hinter dem Posilippo den hohen Epomeo stehen sah. Er hielt sich nicht länger,
sondern fing an einer dichter umblühten Stelle, die er sich dazu aussuchte,
diesen Brief an Linda an:
    »Endlich, edle Seele, kann ich zu dir reden und deine Insel wieder schauen,
wiewohl nur als eine aufgerichtete sonnenrote Abendwolke am Horizont. Linda,
Linda, o dass ich dich habe und hatte! Dauert denn der zweitägige Götter-Traum
noch herüber ins kalte Heute? Du bist jetzt so fern und stumm, und ich höre kein
Ja. Als ich in Rom auf der Peterskuppel in den blauen Morgenhimmel sah und das
Leben um mich brausend schwoll, wie die Lüfte mich umwehten: so war mir, als
müsst' ich mich in ein fliegendes Königsschiff werfen und ein Ufer suchen, das
unter dem tiefsten
