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    Er verträumte nun den Rausch des Morgens im magischen Garten, auf dessen
Wasser und Steige der Mond- und Widerschein der Erinnerung spielte. Wie treten
aus den 9 Millionen Quadratmeilen der gemeinen Erde doch einige poetische Länder
heraus durch ein poetisches Herz! Auf dem Berg mit dem Altare, wo er sie unten
einmal verschwinden sehen, wehte ihn, umflattert vom freiern Äther, das
Nachmittagsgeläute von Blumenbühl an; und sein Kindheitsleben und die jetzigen
Szenen dort und Liane gaben ihm ein weiches Herz, und er überschauete mit
dunklern Augen das verklärte Land.
    Abends kamen frohe Kirchgänger aus Blumenbühl und priesen das Einweihen und
Beisetzen gewaltig. Er sah noch den frommen Vater drüben auf dem Bergrücken
stehen. Der Morgen, wo er einen ganzen Tag Lianen sehen und ihr vielleicht alles
sagen konnte, überzog sein Leben mit einem ihn in prächtigen Regenbogenkreisen
umschimmernden Morgentau. Noch im Bette sang er vor Lust das Morgenlied der
Ruderleute auf dem Lago maggiore - die Sternbilder über Blumenbühl glänzten in
das offene Fenster seines Alpenhäuschens herüber an das zusinkende Auge. - Als
ihn der helle Mond und Flötentöne aus dem Tal wieder weckten: glühte das stille
Entzücken unter der Asche des Schlafes noch fort, und das größere drückte die
Augen wieder zu.
 
                                   65. Zykel
Unter einem frischen Morgenblau ging er voll Hoffnungen, heute sein immer in
weiße Nebel hineinlaufendes Leben aufzuhellen, jenen alten Weg, den er einmal
(im 23sten Zykel) nachts herwärts gemacht, um auf dem Berge Elysium und Liane zu
sehen. Der ganze blühende Steig war ihm eine römische Erde, woraus er
schönbemalte Vasen der Vergangenheit ausgrub; und je näher dem Dorfe, desto
breiter wurden die geheiligten Plätze. Er wunderte sich, dass die Lämmer und
Hirtenknaben nicht, wie das Gras, länger aufgeschossen während seiner
Entfernung, die ihm durch den Wachstum seines Herzens und den bunten Wechsel
seiner Erfahrungen selber verlängert vorkam. Wie ein Morgentrunk von hellem
Alpenwasser rann der alte Klang des Hirtenhorns in seine Brust; aber die enge
Erlenbahn, worin er das Reitpferd des Direktors vor dem Absatteln getummelt, und
selber der Schlosshof, sogar die vier Wände und das Deckengemälde des häuslichen
Glücks krempten seiner treibenden Seele, die in die Erde und in den Himmel
hineinwachsen wollte, Wurzel und Gipfel ein; er war noch in den Jahren, wo man
vom Klavichord des Lebens mit einem Fußtritt den Deckel hochlüftet, damit das
harmonische Brausen überall vorwalle.
    Wie verschwenderisch wurde im Schloss sein Herz mit Herzen bedeckt und die
jüngste Liebe durch alte übertäubt, von der leichtweinenden Mutter Albine an bis
zu den händegebenden alten Bedienten, die seinetwegen die versteinerten Glieder
behender bewegten! - Er fand alle seine Lieben - Liane ausgenommen - in
Wehrfritzens Museum, weil dieser »junges Volk« und Diskurse lieb hatte und
