 Lebens am
Ufer vorüberlaufen mit Blumen und Blättern und Früchten und wenn auf dem langen
Strome das Menschengeschlecht in tausend Wiegen und Särgen hinunterschiesset.
    Ach nicht das bunte Ufer fliehet vorüber, sondern der Mensch und sein Strom;
ewig blühen die Jahreszeiten in den Gärten des Gestades hinauf und hinab, aber
nur wir rauschen einmal vor den Gärten vorbei und kehren nicht um.
    Aber der Freund geht mit. O wenn du in dieser Stunde der Gaukeleien des
Todes den bleichen Fürsten mit den Jugend-Bildern auf der Brust ansiehst und an
den grauen Freund denkst, der ihn verborgen im Tartarus betrauert: so wird dein
Herz zerfließen und in sanften warmen Flammen in der Brust umherrinnen und leise
sagen: ich will lieben und dann sterben und dann lieben; o Allmächtiger, zeige
mir die Seele, die sich sehnet wie ich!
    Wenn du das sagst, wenn du so bist, so komm an mein Herz, Fasse meine Hand
und behalte sie, bis sie welkt Ich habe heute deine Gestalt gesehen und auf ihr
die Wunden des Lebens; tritt an mich, ich will neben dir bluten und streiten.
Ich habe dich schon früh gesucht und geliebt. Wie zwei Ströme wollen wir uns
vereinigen und miteinander wachsen und tragen und eintrocknen. Wie Silber im
Schmelzofen rinnen wir mit glühendem Lichte zusammen, und alle Schlacken liegen
ausgestoßen um den reinen Schimmer her. Lache dann nicht mehr so grimmig, dass
die Menschen Irrlichter sind; gleich Irrlichtern brennen und fliegen wir fort im
regnenden Sturme der Zeit. - Und dann, wenn die Zeit vorbei ist, finden wir uns
wie heute, und es ist wieder im Frühlinge.
                                                              Albano de Cesara.«
 
                                   48. Zykel
Wie herrlich - eh' dem innern Menschen, wie dem äußern im Alter, alle Pulsadern
zu Knorpeln erstarren und alle Gefäße unbiegsam und erdig werden und das
moralische Herz wie das andre kaum sechzig Schläge in der Minute tut und eh' der
alte scheue Narr sich bei jeder Rührung ein Stück seines Wesens aufhebt, das er
kalt und trocken erhält und das aufpassen soll, wie benetzte Himbeerblätter
stets auf der rauen Seite trocken bleiben - wie herrlich, sag' ich, tritt
dagegen vor dieser Spionen-Periode ein Jüngling, zumal ein Albano, seine Bahn
daher, wie frei, keck und froh! Und sucht gleich dreist den Freund wie den Feind
und tritt dicht an ihn, um zu kämpfen entweder für ihn oder wider ihn! -
    Damit entschuldige man Albanos feurigen Brief! Den andern Tag erhielt er von
Roquairol diese Antwort:
»Ich bin wie du. Am Himmelfahrtsabende will ich dich suchen unter den Larven.
                                                                          Karl.«
Dem Grafen stieg die Röte der Kränkung über dieses gesuchte Verschieben der
Bekanntschaft ins Gesicht; er wäre - fühlt
