 nicht um das unsterbliche Leben auszulöschen, sondern um die
unsterbliche Liebe anzuzünden.
    Er konnte nun nicht anders, sondern musste ins Freie gehen und unter dem
fliegenden Getöne des Frühlings und unter dem dumpf-zurückmurmelnden
Totenmarsche die folgenden Worte an Lianens Bruder schreiben, womit er ihm
jugendlich sagte: sei mein Freund!
                                    An Karl
»Fremder! jetzt in der Stunde, wo uns im Totenmeere und in den Tränen die
Siegessäulen und Tronen der Menschen und ihre Brückenpfeiler gebrochen
erscheinen, fragt dich frei ein wahres Herz - und deines antwort' ihm treu und
gern!
    Wurde dir das längste Gebet des Menschen erhört, Fremder, und hast du deinen
Freund? Wachsen deine Wünsche und Nerven und Tage mit seinen zusammen wie die
vier Zedern auf Libanon, die nichts um sich dulden als Adler? Hast du zwei
Herzen und vier Arme, und lebst du zweimal wie unsterblich in der kämpfenden
Welt? - Oder stehst du einsam auf einer frostigen verstummten schmalen
Gletscherspitze und hast keinen Menschen, dem du die Alpen der Schöpfung zeigen
könntest, und der Himmel wölbt sich weit von dir und Klüfte unter dir? Wenn dein
Geburtstag kommt, hast du kein Wesen, das deine Hand schüttelt und dir ins Auge
sieht und sagt: wir bleiben noch fester beisammen? -
    Fremder, wenn du keinen Freund hättest, hast du einen verdient? - Wenn der
Frühling glühte und alle seine Honigkelche öffnete und seinen reinen Himmel und
alle hundert Tore an seinem Paradiese: hast du da schmerzlich aufgeblickt wie
ich und Gott um ein Herz gebeten für deines? - O wenn abends die Sonne einsank
wie ein Berg und ihre Flammen aus der Erde fuhren und nur noch ihr roter Rauch
hinanzog an den silbernen Sternen: sahst du aus der Vorwelt die verbrüderten
Schatten der Freundschaft, die auf Schlachtfeldern wie Gestirne eines
Sternbildes miteinander untergingen, durch die blutigen Wolken als Riesen
ziehen, und dachtest du daran, wie sie sich unvergänglich liebten, und du warst
allein wie ich? - Und, Einsamer, wenn die Nacht, wo der Geist des Menschen, wie
in heißen Ländern, arbeitet und reist, ihre kalten Sonnen verkettet und
aufdeckt und wenn doch unter allen weiten Bildern des Äters kein geliebtes
teures ist und die Unermesslichkeit dich schmerzlich aufzieht und du auf dem
kalten Erdboden fühlest, dass dein Herz an keine Brust anschlägt als nur an
deine: o Geliebter, weinest du dann und recht innig?
    - Karl, oft zählt' ich am Geburtstage die wachsenden Jahre ab, die Federn im
breiten Flügel der Zeit; und bedachte das Verrauschen der Jugend; da streckt'
ich weit die Hand nach einem Freunde aus, der bei mir im Charons-Nachen, worin
wir geboren werden, stehen bliebe' wenn vor mir die Jahreszeiten des
