 die fernen
weißen Gestalten gehen sah, ließ er seine ganze schöne Seele weinen - Und hier
schließe sich der reichste Tag seines jungen Lebens!
    - Aber, ihr guten Menschen, die ihr ein Herz tragt und keines findet, oder
die ihr die geliebten Wesen nur in und nicht an dem Herzen habt, bild' ich nicht
alle diese Gemälde der Wonne, wie die Griechen, gleichsam an den Marmorsärgen
euerer umgelegten schlafenden Vorzeit ab? Bin ich nicht der Archimimus, der vor
euch die zerfallnen Gestalten nachspielt, die eure Seele begrub? Und du,
jüngerer oder ärmerer Mensch, dem die Zeit statt der Vergangenheit erst eine
Zukunft gab, wirst du mir nicht einmal sagen, ich hätte dir manche selige
Gestalten wie heilige Leiber verbergen sollen aus Furcht, du würdest sie
anbeten, und wirst du nicht dazusetzen, du hättest ohne diese Phönix-Bildnisse
leichtere Wünsche genährt und manche erreicht? - Und wie wehe hab' ich dann euch
allen getan! - Aber mir auch; denn wie konnt' es mir besser ergehen als euch
allen?
    Euer Schluss wäre demnach dieser: Da ihr schöne Tage nie so schön erleben
könnt, als sie nachher in der Erinnerung glänzen oder vorher in der Hoffnung: so
verlangtet ihr lieber den Tag ohne beide; und da man nur an den beiden Polen des
elliptischen Gewölbes der Zeit die leisen Sphärenlaute der Musik vernimmt, und
in der Mitte der Gegenwart nichts: so wollt ihr lieber in der Mitte verharren
und aufhorchen, Vergangenheit und Zukunft aber - die beide kein Mensch erleben
kann, weil sie nur zwei verschiedene Dichtungsarten unsers Herzens sind, eine
Ilias und Odyssee, ein verlornes und wiedergefundnes Miltons-Paradies - wollt
ihr gar nicht anhören und heranlassen, um nur taubblind in einer tierischen
Gegenwart zu nisten.
    Bei Gott! Lieber gebt mir das feinste stärkste Gift der Ideale ein, damit
ich meinen Augenblick doch nicht verschnarche, sondern verträume und dann daran
versterbe! - Aber eben das Versterben wäre mein Fehler; denn wer die poetischen
Träume ins Wachen68 tragen will, ist toller als der Nordamerikaner, der die
nächtlichen realisiert; er will wie eine Kleopatra den Glanz der Tauperlen zum
Labetrunk, den Regenbogen der Phantasie zum haltbaren, über Regenwasser
geführten Schwibbogen verbrauchen.
    - Ja, o Gott, du wirst und kannst uns einmal eine Wirklichkeit geben, die
unsre hiesigen Ideale verkörpert und verdoppelt und befriedigt - wie du es uns
ja schon in der hiesigen Liebe bewiesen hast, die uns mit Minuten berauscht, wo
das Innere das Äußere wird und das Ideal die Wirklichkeit - aber dann - nein,
über das Dann des Jenseits hat dieses kleine Jetzt keine Stimme; aber wenn
hienieden, sag' ich, das Dichten Leben würde und unsre Schäferwelt eine
Schäferei und
