 Sie bitte, nichts wieder lesen« - und
unter dem Falle des Schleiers ging das Auge mildernd und vergebend auf, und sie
schied langsam mit ihren Geliebten von ihm.
    O du heilige Seele, liebe meinen Jüngling! - Bist du nicht die erste Liebe
dieses Feuerherzens, der Morgenstern in der dämmernden Frühe seines Lebens, du,
diese Gute, Reine und Zarte! O die erste Liebe des Menschen, die Philomele unter
den Frühlingslauten des Lebens, wird ohnehin immer, weil wir so irren, so hart
vom Schicksale behandelt und immer getötet und begraben; aber wenn nun einmal
zwei gute Seelen im blütenweissen Lebens-Mai - die süßen Frühlingstränen im Busen
tragend - mit den glänzenden Knospen und Hoffnungen einer ganzen Jugend und mit
der ersten unentweihten Sehnsucht und mit dem Erstlinge des Lebens wie des
Jahres, mit dem Vergissmeinnicht der Liebe im Herzen - wenn solche verwandte
Wesen sich begegnen dürften und sich vertrauen und im Wonnemonat den Bund auf
alle Wintermonate der Erdenzeit beschwören und wenn jedes Herz zum andern sagen
könnte: Heil mir, dass ich dich fand in der heiligsten Lebenszeit, eh' ich
geirret hatte; und dass ich sterben kann und habe niemand so geliebt als dich! -
O Liane, o Zesara, so glücklich müssen eure schönen Seelen werden!
    Der Jüngling blieb noch einige Minuten in der um ihn fortarbeitenden
Zauberwelt, deren Töne und Fontänen wie die Wasser und Maschinen in dem einsamen
Bergwerke rauschten; aber am Ende war etwas Gewaltsames im einsamen Forttönen
und Schimmern des Tals, worin er so allein zurückgelassen war. Hastig schritt er
auf dem nähern Wege, und mit Wasseradern beworfen, durch den Lauben-Vorhang und
trat wieder in die freie Morgen-Erde Lilars hinaus. Wie sonderbar! wie fern! wie
verändert war alles! In seine weit offene innere Welt drang die äußere mit vollen
Strömen ein. Er selber war verändert; er konnte nicht in die Eichennacht an das
felsichte Ebenbild des Vaters treten. Als er über die in Zweigen stehende Brücke
war, sah er auf dem breiten silberweissen Gartenwege die sanfte Gesellschaft
langsam gehen, und er pries Lianen selig, die nun an ihr bewegtes Herz das
mütterliche drücken konnte. - Die Kleine drehte sich oft tanzend um und sah ihn
vielleicht, aber niemand wandte sich zurück. Durch die nachgetragne Harfe riss
sich der Morgenwind und führte von den erregten Saiten Töne wie von Äolsharfen
mit sich weiter; und der Jüngling hörte wehmütig dem zurückklingenden Fliehen
wie von Schwanen zu, die über die Länder eilen, indes hinter ihm das leere Tal
einsam in den flötenden Hirtenliedern der Liebe fortsprach und ihn wehende
nachziehende Laute matt und dunkel erreichten. Aber er ging auf den Berg des
Altars zurück; und da er über die helle Gegend schaute und noch
