 - und die losgeringelte Locke, auf den
Maienblümchen an ihrem Herzen liegend - und den feinen Grazienwuchs, der wie die
weiße Bekleidung die Gestalt zu erhöhen schien - und die idealische Stille ihres
Wesens, mit der sie statt des Arms nur die Finger auf das Geländer legte,
gleichsam als schwebe die Psyche nur über der Lilienglocke des Körpers und
erschüttere und beuge sie nie - und die großen blauen Augen, die sich, indes das
Haupt ein wenig sank, unaussprechlich-schön aufschlugen und sich in Träume und
in ferne, unter Abendröten widerglänzende Ebenen zu verlieren schienen.
    - Du überglücklicher Mensch! - Dir erscheint die einzige sichtbare Göttin,
die Schönheit, so plötzlich mit ihrer Allmacht und von allen ihren Himmeln
begleitet, und die Göttin gibt dir den Wahnsinn - die Gegenwart mit ihren
Gestalten wird dir unbekannt - die Vergangenheit vergeht - die nahen Töne ziehen
aus tiefer Ferne her - die überirdische Erscheinung überfüllt und überwältigt
mit Glanz die sterbliche Brust!
    Ach warum durfte durch diesen hohen reinen Himmel eine tiefe kalte Wolke
ziehen? - Ach warum fandest du die Himmlische nicht früher oder später? - Und
warum musste sie selber dich an ihren Schmerz erinnern?
    Denn Liane - in deren überflortes Auge nur ein starkes Licht durchsickern
konnte - suchte den Mond, den seine eigne Aurora ein wenig verhing, mit dem
wiegenden Kopfe irrend auf, weil sie dachte, ein Lindengipfel verdecke ihn; -
und dieses Wanken malte ihm ihr Unglück so plötzlich mit tausend Farben! Ein
schneller Schmerz zertrat seine Augen, dass Tränen daraus sprützten und Funken,
und das Mitleiden schrie in ihm: »O du unschuldiges Auge, warum wirst du
verhüllt? Warum wird dieser dankbaren frommen Seele der Mai genommen und die
ganze Schöpfung? - Und sie wirft vergeblich den Blick der Liebe auf die Mutter
und auf die Freundin und - o Gott! - sie weiß nicht, wo sie stehen.«
    Aber der Vorhang des Mondes flatterte bald seitwärts, und sie lächelte den
Schimmer heiter an, wie der blinde Milton in seinem ewigen Gesange die Sonne
oder wie ein Irdischer den ersten Glanz nach dem Leben.
    Eine Nachtigall, die bisher, zwischen weiten Blumen einem leuchtenden
Würmchen nachhüpfend, den Tönen im Zimmer nur mit einzelnen Wildrufen und
Nachschlägen der Freude geantwortet hatte, flog Lianen näher, und die geflügelte
Zwergorgel riss auf einmal alle Flötenregister heraus, dass Liane im Vergessen
ihrer Blindheit niederblickte und Albano erschrocken zurücktrat, als sehe sie
auf ihn. Da wurde unter den Tönen des Bruders und der Nachtigall ihr blasses,
gleich der weißen Federnelke auf den Wangen leicht gerötetes Angesicht zart vom
matten Blütenrot der Rührung überdeckt - die Augenlider zuckten öfter über die
glänzenden Augen hin - und endlich wurde der Glanz eine ruhige Träne - es war
keine des
