 es am Abend der Erblindung gewesen, damit es, wenn sie heile, eine schöne
Erinnerung für sie bleibe, oder eine traurige für andre, wenn sie nicht genese.
- O bewegter Albano, wenn jede Abwesenheit verklärt, wie muss es erst eine mit so
vielen Spuren der Gegenwart tun! Ich bekenne, außer einer Geliebten kenn' ich
nichts Schöneres als ihr Wohnzimmer in ihrer Abwesenheit.
    Auf Lianens Arbeitstische lag ein umrissener Christuskopf neben der
aufgeschlagenen Messiade - ein zusammengelegter Spazierflor nebst dem grünen
Spazierfächer mit eingeschriebenen Wünschen von Freundinnen - einige
aufgeschnittene Kouverts - der Gevatterbrief eines Froulayschen Pachters - eine
ganze lackierte Schäferei mit Wagen, Stallung und Haus, mit deren lilliputischen
Arkadien sie Dians Kinder54 erfreuen wollen - ein aus dem verfliegenden
Stammbüchlein einer Freundin ausgerupftes Blatt, das sie mit einer getuschten
Blumenrabatte gerändert und dann mit holden Wünschen vollgepflanzet hatte, die
das Schicksal aus ihrem eignen Leben weggenommen. - - Ach schönes Herz, wie gern
wollt' ich über alle kleine Rudera deiner lichten Vorzeit etwas Tabellarisches
entwerfen und verteilen, hätte sich der Lehnpropst näher darauf eingelassen! -
Was aber mich und den Grafen am tiefsten bewegt, ist eine aufgespannte
Stickerei, auf welche ihre Nadel wie ein Inokuliermesser an jenem düstern Tage
eine Rose mit zwei Knospen geimpfet hatte und woran nichts mehr fehlte als die
Dornen - - o diese zog an deinen Freudenrosen das Verhängnis nur zu weit hervor
und presste sie dann so tief durch deine Brust bis ans Herz!
    In keiner Stunde seines Lebens war Albanos Liebe so heiligzart als in
dieser, oder sein Mitleiden so innig. Zum Glück blickte die Ministerin immer
durch das Fenster in den Garten und nahm seine Rührung nicht wahr. Zuletzt
zeigte sie noch auf Lianens dastehende Harmonika; nun ward ihm das Herz zu voll
und zu sichtbar, er sprang auf mit den hastigen Worten, er habe noch keine
gehört, und trat davor. Ach er wollte etwas berühren, worauf so oft ihre Finger
gewesen. Er legte die Hand wie an ein Heiligtum an diese Betglocken, die so oft
unter der ihrigen für fromme Gedanken gezittert hatten; aber sie gaben ihm keine
Antwort, bis ihm der Lektor, ein Kenner des Abcs wie der Technologie aller
Künste, das Nötigste in drei Worten gewiesen. Jetzt sog er in die Seele voll
Seufzer und Kriege den ersten Dreiklang ein, die ersten Klagesilben dieser
Muttersprache der lechzenden Brust - ach dieser Stummenglocken, die der innere
Mensch in der Hand schüttelt, weil er keine Zunge hat -; und seine Adern
schlugen wild als Flügel, die ihn vom Boden aufwehten und ihn vor eine höhere
Aussicht trugen, als die in die letzte Freude oder Marter ist. Denn in starken
Menschen werden große Schmerzen und Freuden zu überschauenden Anhöhen des ganzen
Lebensweges. - -
