
        
                                   Jean Paul
                                     Titan
                                   Erster Band
                           Den vier schönen und edelen
                            SCHWESTERN auf dem Thron
                              Der Traum der Wahrheit
»Aphrodite, Aglaja, Euphrosyne und Talia sahen einst in das irdische Helldunkel
hernieder und, müde des ewig heitern, aber kalten Olympos, sehnten sie sich
herein unter die Wolken unserer Erde, wo die Seele mehr liebt, weil sie mehr
leidet, und wo sie trüber, aber wärmer ist. Sie hörten die heiligen Töne
heraufsteigen, mit welchen Polyhymnia unsichtbar die tiefe bange Erde
durchwandelt, um uns zu erquicken und zu erheben; und sie trauerten, dass ihr
Thron so weit abstehe von den Seufzern der Hülflosen.
    Da beschlossen sie, den Erdenschleier zu nehmen und sich einzukleiden in
unsere Gestalt. Sie gingen von dem Olympos herab; Amor und Amorinen und kleine
Genien flogen ihnen spielend nach, und unsere Nachtigallen flatterten ihnen aus
dem Mai entgegen.
    - Aber als sie die ersten Blumen der Erde berührten und nur Strahlen und
keine Schatten warfen: so hob die ernste Königin der Götter und Menschen, das
Schicksal, den ewigen Zepter auf und sagte: der Unsterbliche wird sterblich auf
der Erde, und jeder Geist wird ein Mensch ! -
    Da wurden sie Menschen und Schwestern und nannten sich Luise, Charlotte,
Terese, Friederike; die Genien und Amorinen verwandelten sich in ihre Kinder
und flogen ihnen in die Mutterarme, und die mütterlichen und schwesterlichen
Herzen schlugen voll neuer Liebe in einer großen Umarmung. Und als die weiße
Fahne des blühenden Frühlings flatterte - und menschlichere Tronen vor ihnen
standen - und als sie, von der Liebe, der Harmonika des Lebens, selig-erweicht,
sich und die glücklichen Kinder anblickten und verstummten vor Lieb' und
Seligkeit: so schwebte unsichtbar Polyhymnia vorüber und erkannte sie und gab
ihnen Töne, womit das Herz Lieb' und Freude sagt und gibt....«
    - Und der Traum war geendigt und erfüllt; er hatte, wie immer, nach der
Wirklichkeit und dem Wachen sich gebildet. Darum sei er den vier schönen und
edlen Schwestern geweiht, und alles, was ihm im Titan ähnlich ist, sei es auch!
                                                          Jean Paul Fr. Richter.
 
                               Erste Jobelperiode
    Fahrt nach Isola bella - der erste Freudentag im Titan - der Pasquinos-
  Götzendiener - Lob der Reichsintegrität - das Moussieren der Jugend - süßes
  Blutvergießen - die Erkennung eines Vaters - groteskes Testament - deutsche
   Vorliebe für Gedichte und Künste - der Vater des Todes - Geister-Akt - der
                   blutige Traum - die Schaukel der Phantasie
                                    1. Zykel
An einem schönen Frühlingsabend kam der junge spanische Graf von Cäsara mit
seinen Begleitern Schoppe und Dian nach Sesto, um den andern Morgen nach der
borromäischen Insel Isola bella im Lago maggiore überzufahren. Der
stolz-aufblühende Jüngling glühte von der Reise
