 Manen unsrer Freunde!«
    Olimpia hob den strahlenden Becher hoch und sagte:
    »Unsern lebenden Freunden!«
    »Gott gebe uns Freuden!« - setzte der Alte hinzu.
    Ein feierlicher Chor ertönte:
Die Vorsicht streut Blumen
Auf dornigen Pfad,
Die Vorsicht streut Dornen
Auf rosigen Pfad.
Es welken die Blumen;
Die Dornen zerstreut
Ein freundliches Lüftchen
Der heilenden Zeit!
Der Alte sagte sehr pathetisch in seinem gewöhnlichen Lehr- und Ermahnungstone:
    »Der Mensch, der sein Leben genießen will, lebe der Gegenwart. Sie
verschlinge das Vergangene! - Vorüber geht der Sturm und schöne Sonnenblicke
erheitern das erschütterte Herz. Der Mensch ist der Welt geboren. Er lebe mit
der Zeit, welche die Welt wiegt und trägt. Leiden dürfen uns nie zaghaft machen.
Der Nacht folgt Tag. Morgenröte und Abendröte glänzen an einem Horizont. Was
können Unglück und Widerwärtigkeiten des Lebens einem Standhaften tun, der mutig
diesen brausenden Wellen die Brust entgegenwirft? - Sie können ihn umspülen, und
er kann sie bekämpfen. Dem Mutvollen riegelt die Natur selbst alle Pforten auf.
Von der Erde blickt er gen Himmel. Er kennt das Grab der Erde, er sieht das
glänzende Haus der Sterne. Sein Geist hat dort seine Heimat, und überirdische
Strahlen nährt seine unsterbliche Seele in sterblicher Hülle.«
    Die Musik fiel ein. - Olimpia wendete sich zu Rinaldo, dessen Aufmerksamkeit
ein ihm gegenübersitzendes Mädchen beschäftigte. Lächelnd fragte sie:
    »Kennt Ihr denn Eure Freundinnen so wenig?«
    »Serena!« - rief Rinaldo aus. - »Ja, es ist Serena!«
    Sie war es, das schöne Gärtnermädchen, das uns aus dem achten Buche dieser
Geschichte bekannt ist.
    Rinaldo reichte ihr die Hand. Auf frohes Wiedersehen wurden von beiden die
Becher geleert. Ihr winkte Olimpia. Serena erhob sich und reichte ihm einen
Blumenkranz. Der Alte lächelte:
    »Dies ist das Angebinde der Freude, das ein sanftes Herz reicht.«
    »Beides weiß ich zu schätzen!« - rief Rinaldo aus.
    Der Alte wurde immer gesprächiger. Die Freude glänzte auf seinem Gesichte
sichtbar. Olimpia ergriff eine Schale und sagte:
    »Wenn die Freude frohe Menschen glücklich macht, sollen diese immer der
Unglücklichen gedenken, und wo das Wohlleben tront, finde die Armut wohltätige
Freunde!«
    Sie warf Geld in die Schale, die herumging und bald gefüllt wieder zu ihr
zurückkam.
    »Die ersten Armen, die ich morgen sehe!« - sagte sie, indem sie die Schale
leerte.
    »Daran tust du sehr wohl, wohltätige Freundin!« - rief der Alte ihr zu.
    Man brachte Fortunaten einen großen, goldenen Becher, geschmückt mit dem
Wappen von Korsika. - Sie hob den Becher, und ein
