 Du Ruhe
findest.
 
                            Tändeleien der Fantasie
Durch die schweren lauten Anstalten zum Leben wird das zarte Götterkind Leben
selbst verdrängt und jämmerlich erstickt in der Umarmung der nach Affenart
liebenden Sorge.
    Absichten haben, nach Absichten handeln, und Absichten mit Absichten zu
neuer Absicht künstlich verweben; diese Unart ist so tief in die närrische Natur
des gottähnlichen Menschen eingewurzelt, dass er sich's nun ordentlich vorsetzen
und zur Absicht machen muss, wenn er sich einmal ohne alle Absicht, auf dem
innern Strom ewig fliessender Bilder und Gefühle frei bewegen will.
    Es ist der Gipfel des Verstandes, aus eigener Wahl zu schweigen, die Seele
der Fantasie wiederzugeben und die süßen Tändeleien der jungen Mutter mit ihrem
Schosskinde nicht zu stören.
    Aber so verständig ist der Verstand nach dem goldnen Zeitalter seiner
Unschuld nur sehr selten. Er will die Seele allein besitzen; auch wenn sie wähnt
allein zu sein mit ihrer angeborenen Liebe, lauscht er im Verborgnen und schiebt
an die Stelle der heiligen Kinderspiele nur Erinnerung an ehemalige Zwecke oder
Aussichten auf künftige. Ja er weiß den hohlen kalten Täuschungen einen Anstrich
von Farbe und eine flüchtige Hitze zu geben und will durch seine nachahmende
Kunst der arglosen Fantasie ihr eigenstes Wesen rauben.
    Aber die jugendliche Seele lässt sich durch die Arglist des Altklugen nicht
betören, und immer sieht sie den Liebling spielen mit den schönen Bildern der
schönen Welt. Willig lässt sie ihre Stirn umflechten von den Kränzen, die das
Kind aus den Blüten des Lebens flicht, und willig lässt sie sich in wachen
Schlummer sinken, Musik der Liebe träumend, und geheimnisvoll freundliche
Götterstimmen vernehmend, wie die einzelnen Laute einer fernen Romanze.
    Alte wohlbekannte Gefühle tönen aus der Tiefe der Vergangenheit und Zukunft.
Leise nur berühren sie den lauschenden Geist und schnell verlieren sie sich
wieder in den Hintergrund verstummter Musik und dunkler Liebe. Alles liebt und
lebt, klaget und freut sich in schöner Verwirrung. Hier öffnen sich am
rauschenden Fest die Lippen aller Fröhlichen zu allgemeinem Gesange; und hier
verstummt das einsame Mädchen vor dem Freunde, dem sie sich vertrauen möchte und
versagt den Kuss mit lächelndem Munde. Gedankenvoll streue ich Blumen auf das
Grab des zu früh entschlafnen Sohnes, die ich bald voll Freude und voll Hoffnung
der Braut des geliebten Bruders darreiche, während die hohe Priesterin mir winkt
und mir die Hand reicht zu ernstem Bunde, bei dem ewig reinen Feuer ewige
Reinheit und ewige Begeisterung zu geloben. Ich enteile dem Altar und der
Priesterin um das Schwert zu ergreifen und mit der Schar der Helden in den Kampf
zu stürzen, den ich bald vergesse, wo ich in tiefster Einsamkeit nur den Himmel
und mich beschaue.
    Welche Seele solche Träume schlummert, die träumt sie ewig fort, auch wenn
sie erwacht ist. Sie fühlt sich umschlungen
