 Bestimmende oder das Bestimmte selbst? In der
Männlichkeit ist es das Namenlose. Und was ist das Namenlose in der
Weiblichkeit? - das Unbestimmte.
    Das Unbestimmte ist geheimnisreicher, aber das Bestimmte hat mehr
Zauberkraft. Die reizende Verwirrung des Unbestimmten ist romantischer, aber die
erhabene Bildung des Bestimmten ist genialischer. Die Schönheit des Unbestimmten
ist vergänglich wie das Leben der Blumen und wie die ewige Jugend sterblicher
Gefühle; die Energie des Bestimmten ist vorübergehend wie das echte Ungewitter
und die echte Begeisterung.
    Wer kann messen und wer kann vergleichen was eines wie das andre unendlichen
Wert hat, wenn beides verbunden ist in der wirklichen Bestimmung, die bestimmt
ist, alle Lücken zu ergänzen und Mittlerin zu sein zwischen dem männlichen und
weiblichen Einzelnen und der unendlichen Menschheit?
    Das Bestimmte und das Unbestimmte und die ganze Fülle ihrer bestimmten und
unbestimmten Beziehungen; das ist das Eine und Ganze, das ist das Wunderlichste
und doch das Einfachste, das Einfachste und doch das Höchste. Das Universum
selbst ist nur ein Spielwerk des Bestimmten und des Unbestimmten und das
wirkliche Bestimmen des Bestimmbaren ist eine allegorische Miniatur auf das
Leben und Weben der ewig strömenden Schöpfung.
    Mit ewig unwandelbarer Symmetrie streben beide auf entgegengesetzten Wegen
sich dem Unendlichen zu nähern und ihm zu entfliehen. Mit leisen aber sichern
Fortschritten erweitert das Unbestimmte seinen angeborenen Wunsch aus der schönen
Mitte der Endlichkeit ins Grenzenlose. Das vollendete Bestimmte hingegen wirft
sich durch einen kühnen Sprung aus dem seligen Traum des unendlichen Wollens in
die Schranken der endlichen Tat und nimmt sich selbst verfeinernd immer zu an
großmütiger Selbstbeschränkung und schöner Genügsamkeit.
    Auch in dieser Symmetrie offenbart sich der unglaubliche Humor, mit dem die
konsequente Natur ihre allgemeinste und einfachste Antitese durchführt. Selbst
in der zierlichsten und künstlichsten Organisation zeigen sich diese komischen
Spitzen des großen Ganzen mit schalkhafter Bedeutsamkeit wie ein verkleinertes
Portrait und geben aller Individualität, die allein durch sie und den Ernst
ihrer Spiele entstehet und bestehet, die letzte Rundung und Vollendung.
    Durch diese Individualität und jene Allegorie blüht das bunte Ideal witziger
Sinnlichkeit aus dem Streben nach dem Unbedingten.
    Nun ist alles klar! Daher die Allgegenwart der namenlosen unbekannten
Gottheit. Die Natur selbst will den ewigen Kreislauf immer neuer Versuche; und
sie will auch, dass jeder einzelne in sich vollendet einzig und neu sei, ein
treues Abbild der höchsten unteilbaren Individualität.
    Sich vertiefend in diese Individualität nahm die Reflexion eine so
individuelle Richtung, dass sie bald anfing aufzuhören und sich selbst zu
vergessen.
    »Was sollen mir diese Anspielungen, die mit unverständlichem Verstand nicht
an der Grenze sondern bis in die Mitte der Sinnlichkeit nicht spielen sondern
widersinnig streiten?«
    So wirst Du und würde Juliane zwar nicht sagen aber doch gewiss fragen.
    Liebe Geliebte! darf der volle Blumenstrauß nur sittsame Rosen, stille
Vergissmeinnicht und
