 werden
wahr, und schön wie Anadyomene heben sich aus den Wogen des Lete die reinen
Massen einer neuen Welt und entfalten ihren Gliederbau in die Stelle der
verschwundnen Finsternis. In goldner Jugend und Unschuld wandelt die Zeit und
der Mensch im göttlichen Frieden der Natur, und ewig kehrt Aurora schöner
wieder.
    Nicht der Hass, wie die Weisen sagen, sondern die Liebe trennt die Wesen und
bildet die Welt, und nur in ihrem Licht kann man diese finden und schauen. Nur
in der Antwort seines Du kann jedes Ich seine unendliche Einheit ganz fühlen.
Dann will der Verstand den innern Keim der Gottähnlichkeit entfalten, strebt
immer näher nach dem Ziele und ist voll Ernst, die Seele zu bilden, wie ein
Künstler das einzig geliebte Werk. In den Mysterien der Bildung schaut der Geist
das Spiel und die Gesetze der Willkür und des Lebens. Das Werk des Pygmalion
bewegt sich, und den überraschten Künstler ergreift ein freudiger Schauer im
Bewusstsein eigener Unsterblichkeit, und wie der Adler den Ganymedes reißt ihn die
göttliche Hoffnung mit mächtigem Fittich zum Olymp.
 
                                  Zwei Briefe
                                       I.
Ist es denn wahr und wirklich, was ich so oft in der Stille wünschte und nicht
zu äußern wagte? - Ich sehe das Licht einer heiligen Freude auf deinem Antlitz
lächeln, und bescheiden gibst du mir die schöne Verheißung.
    Du wirst Mutter sein! -
    Lebe wohl Sehnsucht und du leise Klage, die Welt ist wieder schön, jetzt
liebe ich die Erde, und die Morgenröte eines neuen Frühlings hebt ihr
rosenstrahlendes Haupt über mein unsterbliches Dasein. Wenn ich Lorbeern hätte,
würde ich sie um deine Stirn flechten, um dich einzuweihen zu neuem Ernst und zu
neuer Tätigkeit; denn auch für dich beginnt nun ein anderes Leben. Dafür gib du
mir den Myrtenkranz. Es steht mir wohl an, mich jugendlich zu schmücken mit dem
Sinnbilde der Unschuld, da ich im Paradiese der Natur wandle. Was vorher war
zwischen uns, ist nur Liebe gewesen und Leidenschaft. Nun hat uns die Natur
inniger verbunden, ganz und unauflöslich. Die Natur allein ist die wahre
Priesterin der Freude; nur sie versteht es, ein hochzeitliches Band zu knüpfen.
Nicht durch eitle Worte ohne Segen, sondern durch frische Blüten und lebendige
Früchte aus der Fülle ihrer Kraft. Im endlosen Wechsel neuer Gestalten flicht
die bildende Zeit den Kranz der Ewigkeit, und heilig ist der Mensch, den das
Glück berührt, dass er Früchte trägt und gesund ist. Wir sind nicht etwa taube
Blüten unter den Wesen, die Götter wollen uns nicht ausschließen aus der großen
Verkettung aller wirkenden Dinge, und geben uns deutliche Zeichen. So lass uns
denn unsre Stelle in dieser schönen Welt verdienen, lass uns auch die
unsterblichen Früchte tragen, die der Geist und die
