 von ihnen angehört haben. Damals an den Ufern des Amphrysos
hat er auch, wie ich glaube, die Idylle und die Elegie ersonnen.
 
                                 Metamorphosen
In süßer Ruhe schlummert der kindliche Geist und der Kuss der liebenden Göttin
erregt ihm nur leichte Träume. Die Rose der Scham färbt seine Wange, er lächelt
und scheint die Lippen zu öffnen, aber er erwacht nicht, und er weiß nicht was
in ihm vorgeht. Erst nachdem der Reiz des äußern Lebens, durch ein innres Echo
vervielfältigt und verstärkt, sein ganzes Wesen überall durchdrungen hat,
schlägt er das Auge auf, frohlockend über die Sonne, und erinnert sich jetzt an
die Zauberwelt die er im Schimmer des blassen Mondes sah. Die wunderbare Stimme,
die ihn weckte, ist ihm geblieben, aber sie tönt nun statt der Antwort von den
äußern Gegenständen zurück; und wenn er dem Geheimnis seines Daseins mit
kindlicher Schüchternheit zu entfliehen strebt, das Unbekannte mit schöner
Neugier suchend, vernimmt er überall nur den Nachhall seiner eignen Sehnsucht.
    So schaut das Auge in dem Spiegel des Flusses nur den Widerschein des blauen
Himmels, die grünen Ufer, die schwankenden Bäume und die eigne Gestalt des in
sich selbst versunkenen Betrachters. Wenn ein Gemüt voll unbewusster Liebe da, wo
es Gegenliebe hoffte, sich selbst findet, wird es von Erstaunen getroffen. Doch
bald lässt sich der Mensch wieder durch den Zauber der Anschauung locken und
täuschen, seinen Schatten zu lieben. Dann ist der Augenblick der Anmut gekommen,
die Seele bildet ihre Hülle noch einmal, und atmet den letzten Hauch der
Vollendung durch die Gestalt. Der Geist verliert sich in seiner klaren Tiefe und
findet sich wie Narcissus als Blume wieder.
    Liebe ist höher als Anmut und wie bald würde die Blüte der Schönheit
fruchtlos welken ohne die ergänzende Bildung der Gegenliebe!
    Dieser Augenblick, der Kuss des Amor und der Psyche ist die Rose des Lebens.
- Die begeisterte Diotima hat ihrem Sokrates nur die Hälfte der Liebe offenbart.
Die Liebe ist nicht bloß das stille Verlangen nach dem Unendlichen; sie ist auch
der heilige Genuss einer schönen Gegenwart. Sie ist nicht bloß eine Mischung, ein
Übergang vom Sterblichen zum Unsterblichen, sondern sie ist eine völlige Einheit
beider. Es gibt eine reine Liebe, ein unteilbares und einfaches Gefühl ohne die
leiseste Störung von unruhigem Streben. Jeder gibt dasselbe was er nimmt, einer
wie der andre, alles ist gleich und ganz und in sich vollendet wie der ewige Kuss
der göttlichen Kinder.
    Durch die Magie der Freude zerfliesst das große Chaos streitender Gestalten
in ein harmonisches Meer der Vergessenheit. Wenn der Strahl des Glücks sich in
der letzten Träne der Sehnsucht bricht, schmückt Iris schon die ewige Stirn des
Himmels mit den zarten Farben ihres bunten Bogens. Die lieblichen Träume
