
        
                               Friedrich Schlegel
                                    Lucinde
                                      Prolog
Mit lächelnder Rührung überschaut und eröffnet Petrarca die Sammlung seiner
ewigen Romanzen. Höflich und schmeichelnd redet der kluge Boccaz am Eingang und
am Schluss seines reichen Buchs zu allen Damen. Und selbst der hohe Cervantes,
auch als Greis und in der Agonie noch freundlich und voll von zartem Witz,
bekleidet das bunte Schauspiel der lebensvollen Werke mit dem kostbaren Teppich
einer Vorrede, die selbst schon ein schönes romantisches Gemälde ist.
Hebt eine herrliche Pflanze aus dem fruchtbaren mütterlichen Boden, und es wird
sich manches liebevoll daran hängen, was nur einem Kargen überflüssig scheinen
kann.
Aber was soll mein Geist seinem Sohne geben, der gleich ihm so arm an Poesie ist
als reich an Liebe?
Nur ein Wort, ein Bild zum Abschiede: Nicht der königliche Adler allein darf das
Gekrächz der Raben verachten; auch der Schwan ist stolz, und nimmt es nicht
wahr. Ihn kümmert nichts, als dass der Glanz seiner weißen Fittiche rein bleibe.
Er sinnt nur darauf, sich an den Schoss der Leda zu schmiegen, ohne ihn zu
verletzen; und alles was sterblich ist an ihm, in Gesänge auszuhauchen.
 
                        Bekenntnisse eines Ungeschickten
                               Julius an Lucinde
Die Menschen und was sie wollen und tun, erschienen mir, wenn ich mich daran
erinnerte, wie aschgraue Figuren ohne Bewegung; aber in der heiligen Einsamkeit
um mich her war alles Licht und Farbe und ein frischer warmer Hauch von Leben
und Liebe wehte mich an und rauschte und regte sich in allen Zweigen des üppigen
Hains. Ich schaute und ich genoss alles zugleich, das kräftige Grün, die weiße
Blüte und die goldne Frucht. Und so sah ich auch mit dem Auge meines Geistes die
Eine ewig und einzig Geliebte in vielen Gestalten, bald als kindliches Mädchen,
bald als Frau in der vollen Blüte und Energie der Liebe und der Weiblichkeit,
und dann als würdige Mutter mit dem ernsten Knaben im Arm. Ich atmete Frühling,
klar sah ich die ewige Jugend um mich und lächelnd sagte ich: Wenn die Welt auch
eben nicht die beste oder die nützlichste sein mag, so weiß ich doch, sie ist
die schönste. In diesem Gefühle oder Gedanken hätte mich auch nichts stören
können, weder allgemeine Zweifel noch eigne Furcht. Denn ich glaubte einen
tiefen Blick in das Verborgne der Natur zu tun; ich fühlte, dass alles ewig lebe
und dass der Tod auch freundlich sei und nur eine Täuschung. Doch dachte ich
daran eigentlich nicht sehr, wenigstens zum Gliedern und Zergliedern der
Begriffe war ich nicht sonderlich gestimmt. Aber gern und tief verlor ich mich
in alle die Vermischungen und Verschlingungen von Freude und Schmerz, aus denen
die Würze des Lebens und die Blüte der Empfindung hervorgeht, die geistige
Wollust wie die sinnliche Seligkeit. Ein
