 unsre Gestalten, -
sie sanken hinab in offene Gräber, aber unsre Seelen kannten sich doch und
liebten sich, auch ohne die bekannte Hülle. - Ihr Auge wurde starrer unter den
freudigen Tränen, die es vergoss, - ihr Mund bewegte sich noch lächelnd, aber
ohne zu sprechen, und ohne Krampf und Zuckungen floh in Ludwigs Armen, wie der
leise Atem der Frühlingsluft, ihr entrinnendes Leben dahin! - -
 
                          Fünf und zwanzigstes Kapitel
Frau Köhler kam an, - um ihre Nichte begraben zu sehen. Sie weinte mit Konrad und
Liesen bei der teuren Leiche, aber Ludwig konnte seine Tränen nicht mit den
ihrigen vermischen. Sein Auge war trocken und starr, und so heftig auch der
Schmerz in seinem Innern wütete, so las man nichts von ihm auf seinem Gesicht,
als die gleichgültige Betäubung, die seine erste Stärke mit sich führt. Er
wirkte sich die Erlaubnis aus, ihre Überreste unter der Eiche begraben zu
dürfen, wo er sie zum erstenmal nach langer Trennung wieder gesehen hatte. Sie
war schon vorher sein Lieblingsplatz und wurde es nun noch mehr, da unter ihrem
Schatten das Liebste, was er auf der Erde hatte, schlummerte. - Er setzte ihr
ein einfaches Grabmal, mit dem Tag und Jahr ihrer Geburt und ihres Todes, und
der simpeln Inschrift: Ihr Tod war schön und sanft, wie ihre Seele! - Täglich
besuchte er das Heiligtum seines Schmerzes, und Konrads Kinder, die den
Grabhügel ihrer Freundin oft mit Blumen bestreuten, fanden ihn zuweilen ohne
Spuren des Bewusstseins, ganz verloren und versenkt in seine Schwermut, oder
auch in milden Tränen, die ihm endlich Zeit und Nachdenken gab. - Er führte
sein Leben still und traurig fort, wie in den Tagen, da er Marien betrauerte,
als sie sich durch ihre Liebe zu einem Andern von ihm losgerissen hatte, aber
seine Empfindung war nicht mehr so herbe, wie damals, denn Marie war ja als die
Seinige gestorben. Er dachte an keine zweite Verbindung, und Frau Köhler führte
mit der Sorgfalt einer Hausfrau seine Wirtschaft an Mariens Stelle. Jedes
Überbleibsel von ihr war ihm eine heilige Reliquie, und in stillen Stunden, wo
er sich frei von Zeugen glaubte, oder über seinen Kummer der Zeugen vergaß,
vertiefte er sich schwermütig in die Größe seines Verlustes. Er pflückte jede
Blume aus dem Felde der Vergangenheit, um damit den Rautenkranz der Gegenwart zu
schmücken, oder um sie in süßer Täuschung auf die verheerten Ruinen seines
Glücks zu streun. - In die Rinde der Eiche, unter der sie ruhte, schnitt er
ihren Namen, und nun war der geliebte Baum ihm doppelt wert. Hier fand ihn
jeder Abend in Träumereien verloren, die ihm entweder die Zukunft jenseit des
Grabes mit
