 sehr als möglich, und eilte dem Stadttor zu. Charles hatte diese Einrichtung
getroffen, er schien mir bedenklicher, ja furchtsamer, als bei unsrer ersten
Zusammenkunft mit meiner Mutter.
    Es war eine sehr finstre Nacht. Regenwolken umhüllten den Mond und die
Sterne, und der Regen fing schon an zu fallen, als ich kaum einige Schritte vom
Hause der Gräfin entfernt war. Ich eilte so sehr ich konnte, aber ich war
schwach von der schlaflosen Nacht und den mancherlei Stürmen, welche in den
letzten Tagen auf mein Gemüt eindrangen. Der Wind jagte mir den Regen entgegen,
und benahm mir die Luft. Atemlos lehnte ich mich für einen Augenblick an eine
Mauer, einem Laden gegenüber, welcher sehr erhellt war. Eine große Gestalt ging
ganz dicht an mir vorbei, sie hatte den Hut tief in die Augen gedrückt. Aber in
dem Moment, wo das Licht aus dem Laden das Profil des Untergesichts stark
erhellte, dünkten mirs Nordheims Züge zu sein. Ich bebte vor Furcht und vor
Freude. - Ein Wort der Liebe von den geliebten Lippen zu vernehmen, und dann an
der Brust der Erde mein Leben auszuhauchen, um in dem Atem des Ewiglebenden neu
aufzublühen, dieser Wunsch bewegte mein Innerstes. Wenn uns die Naturkräfte im
Sturm aufgeregt erscheinen, und wir selbst dem Sturm in unserm Innern kaum
entrannen, dann schmiegt sich ein Gemüt. welches das Vermögen besitzt, sich der
ewigwirkenden Kraft nahe zu fühlen, mit unendlichem seligem Verlangen an das
Eine, Bleibende, in oder über der Natur.
    Die grüne Erde dünkt uns wirklich der Schoss der Mutter, über welchem ewig
unwandelbares Leben weht, um uns einem neuen Dasein zuzubilden.
    Wie sonderbar geht oft eine neue ungewöhnliche Stimmung in unsrer Seele
einer Begebenheit zuvor, die unsern Verhältnissen und uns selbst eine neue
Gestalt gibt; gleich als gäbe uns unser Genius den Wink, unsre Kraft zu
sammlen! Der Wunsch nach der Auflösung unsers Wesens, bildet in gewissen
Stimmungen unsrer Seele ein neues Lebensorgan, und die gestaltlose, aber lichte
Zukunft, der sich unser Inneres entgegendrängt, wirft auf alle Erscheinungen der
Erde ein neues milderes Licht. Welcher feine Mensch, der gewöhnt ist in sich
selbst zurück zu blicken, kennt nicht jene Momente des reichern höheren Lebens,
wo die Seele eine unabsehliche Kette der Gedanken durchfliegt, und die reicher
an lebendigen Erscheinungen in seinem Innern sind, als oft Zeiträume von Jahren!
    Ich halte solch einen Moment durchlebt, und fand mich gestärkt und erhellt,
um jeder Begebenheit zu begegnen. Selbst der geliebten Erscheinung Nordheims
ging ich mit Ruhe und stiller Freude, ohne Furcht und Sehnsucht entgegen.
    Der Regen dauerte fort, und durch die Finsternis und den Sturm arbeitete ich
mich nur mühsam und langsam hindurch, bis zum bestimmten
