 vergessen hatte, setzte er sich in das grüne Gras
nieder und weinte; er drückte sein heißes Gesicht an den Boden und küsste mit
Zärtlichkeit die Blumen. Er hörte in der Trunkenheit wieder die Melodie eines
Waldhorns, und konnte sich vor Wehmut, vor Schmerzen der Erinnerung und süßen
ungewissen Hoffnungen nicht fassen. »Bin ich wahnsinnig, oder was ist es mit
diesem törichten Herzen?« rief er aus. »Welche unsichtbare Hand fährt so
zärtlich und grausam zugleich über alle Saiten in meinem Innern hinweg, und
scheucht alle Träume und Wundergestalten, Seufzer und Tränen und verklungene
Lieder aus ihrem fernen Hinterhalte hervor? O mein Geist, ich fühle es, strebt
nach etwas Überirdischem, das keinem Menschen gegönnt ist. Mit magnetischer
Gewalt zieht der unsichtbare Himmel mein Herz an sich und bewegt alle Ahndungen
durcheinander, die längst ausgeweinten Freuden, die unmöglichen Wonnen, die
Hoffnungen, die keine Erfüllungen zulassen. Und ich kann es keinem Menschen,
keinem Bruder einmal klagen, wie mein Gemüt zugerichtet ist, denn keiner würde
meine Worte verstehen. Daher aber gebricht mir die Kraft, die den übrigen
Menschen verliehen ist, und die uns zum Leben notwendig bleibt, ich matte mich
ab in mir selber und keiner hat dessen Gewinn, mein Mut verzehrt sich, ich
wünsche was ich selbst nicht kenne. Wie Jakob seh ich im Traum die Himmelsleiter
mit ihren Engeln, aber ich kann nicht selbst hinaufsteigen, um oben in das
glänzende Paradies zu schauen, denn der Schlaf hat meine Glieder bezwungen, und
was ich sehe und höre, ahnde und hoffe und lieben möchte, ist nur Traumgestalt
in mir.«
    Jetzt schlug die Glocke im Dorfe. Er stand auf und trocknete sich die Augen,
indem er weiterging, und nun schon die Hütten und die kleine Kirche durch das
grüne Laub schimmern sah. Er ging an einem Garten vorbei, über dessen Zaun ein
Zweig voll schöner roter Kirschen hing. Er konnte es nicht unterlassen, einige
abzubrechen und sie zu kosten, weil die Frucht dieses Baumes ihn in der Kindheit
oft erfreut hatte; es waren dieselben Zweige, die sich ihm auch jetzt freundlich
entgegenstreckten, aber die Frucht schmeckte ihm nicht wie damals. »In der
Kindheit«, sagte er zu sich selber, »wird der Mensch von den blanken,
glänzenden, und vielfarbigen Früchten und ihrem süßen lieblichen Geschmacke
angelockt, das Leben liebzugewinnen, wie es die Schulmeister in den Schulen
machen, die im Anbeginn mit Süßigkeiten dem Kinde Lust zum Lernen beibringen
wollen; nachher verliert sich im Menschen dieses frohe Vorgefühl des Lebens, der
Lehrer wird streng, die Arbeit fängt an, und die Lockung selbst verliert ihren
Wohlgeschmack.«
    Franz ging über den Kirchhof und las die Kreuze im Vorbeigehn schnell, aber
