, und es dünkte ihm unter seinen Träumen alles höchst
wunderbar.
    Gegen Morgen schlief Rudolph auch ein, so viele Mühe er sich auch gab, wach
zu bleiben.
    Das Morgenrot brach liebreich herauf, und schimmerte erst an den
Baumwipfeln, an den hellen Wolken, dann sah man die ersten Strahlen der Sonne
durch den Wald leuchten. Die Vögel wurden rege, die Lerchen jubelten aus den
Wolken herab, der Morgenwind schüttelte die Zweige. Die Schläfer wurden nach und
nach wieder wach: der Ritter fühlte sich gestärkt und munter, der Einsiedler
versicherte, dass seine Wunde nichts zu bedeuten habe. Franz und Rudolph machten
einen Spaziergang durch den Wald, wo sie eine Anhöhe erstiegen und sich
niedersetzten.
    »Sind die Menschen nicht wunderlich?« fing Florestan an, »dieser Pilgrim
kreuzt durch die Welt, verlässt sein geliebtes Weib, wie er uns selber erzählt
hat, um Gott zu Gefallen die Kapelle zu Loreto zu besuchen. Der Einsiedler hat
mir in der Nacht seine ganze Geschichte erzählt: er hat die Welt auf immer
verlassen, weil er unglücklich geliebt hat, das Mädchen, das ihn entzückte, hat
sich einem andern ergeben, und darum will er nun sein Leben in der Einsamkeit
beschließen, mit seinem Rosenkranze, Buche und Glocke beschäftigt.«
    Franz dachte an das Bildnis, an den Tod seiner Geliebten, und sagte
seufzend: »Oh, lass ihn, denn ihm ist wohl, tadle nicht zu strenge die
Glückseligkeit andrer Menschen, weil sie nicht die deinige ist. Wenn er wirklich
geliebt hat, was kann er nun noch in der Welt wollen? In seiner Geliebten ist
ihm die ganze Welt abgestorben, nun ist sein ganzes Leben ein ununterbrochenes
Andenken an sie, ein immerwährendes Opfer, das er der Schönsten bringt. Ja,
seine Andacht vermischt sich mit seiner Liebe, seine Liebe ist seine Religion,
und sein Herz bleibt rein und geläutert. Sie strahlt ihm wie Morgensonne in sein
Gedächtnis - kein gewöhnliches Leben hat ihr Bild entweiht, und so ist sie ihm
Madonna, Gefährtin und Lehrerin im Gebet. Oh, mein Freund, in manchen Stunden
möchte ich mich so, wie er, der Einsamkeit ergeben, und von Vergangenheit und
Zukunft Abschied nehmen. Wie wohl würde mir das Rauschen des Waldes tun, die
Wiederkehr der gleichförmigen Tage, der ununterbrochene leise Fluss der Zeit, der
mich so unvermerkt ins Alter hineintrüge, jedes Rauschen ein andächtiger
Gedanke, ein Lobgesang. Müssen wir uns denn nicht doch einst von allem irdischen
Glücke trennen? Was ist dann Reichtum und Liebe und Kunst? Die edelsten Geister
haben müssen Abschied nehmen, warum sollen es die schwächern nicht schon früher
tun, um sich einzulernen?«
    Florestan verwunderte sich über seinen Freund, doch bezwang er
