 für die ich nur lebe und
sie doch gewiss verliere.«
    Eine Flöte ertönte aus dem Gebüsch, und Franz setzte sich auf eine schattige
Rasenbank, um den Tönen ruhiger zuzuhören. Als der Spielende eine Weile
musiziert hatte, sang eine wohlbekannte Stimme folgendes Lied:
»Holdes, holdes Sehnsuchtrufen
Aus dem Wald, vom Tal herauf:
Klimm herab die Felsenstufen,
Folge diesem Locken, Rufen,
Hoffnung tut sich, Glück dir auf.
Wohl seh ich Gestalten wanken
Durch des Waldes grüne Nacht,
Die bewegten Zweige schwanken,
Sie entschimmern wie Gedanken,
Die der Schlaf hinweggefacht.
Komm Erinnrung, liebe Treue,
Die mir oft im Arm geruht,
Singe mir dein Lied, erfreue
Dieses matte Herz, der Scheue
Fühlt dann Kraft und Lebensmut.
Kinder lieben ja die Scherze,
Und ich bin ein töricht Kind,
Treu verblieb dir doch mein Herze,
Leichtsinn nur im frohen Scherze,
Bin noch so wie sonst gesinnt.
Wald und Tal, ihr grüne Hügel
Kennt die Wünsche meiner Brust,
Wie ich gern mit goldnem Flügel
Von der Abendröte Hügel
Möchte ziehen zu meiner Lust.
Erd und Himmel nun in Küssen
Wie mit Liebesscham entbrennt; -
Ach! ich muss den Frevel büßen,
Lange noch die Holde missen
Die mein Herz mir ewig nennt.
Morgenröte kommt gegangen,
Macht den Tag von Banden frei,
Erd und Himmel bräutlich prangen:
Aber ach! ich bin gefangen,
Einsam hier im süßen Mai.
Lieb und Mailust ist verschwunden,
Ist nur Mai in ihrem Blick,
Keine Rose wird erfunden; -
Flieht und eilt ihr trägen Stunden,
Bringt die Braut mir bald zurück!«
Es war Rudolph, der nun hervortrat, und sich zu Sternbald an den Rand des
Springbrunnens niedersetzte. »Ich erkannte dich wohl«, sagte Franz, »aber ich
wollte dich in deinem zärtlichen Gesange nicht stören; doch siehst du muntrer
aus, als ich dich erwartet hätte.«
    »Ich bin recht vergnügt«, sagte Florestan, »der heutige Tag ist einer meiner
heitersten, denn ich kenne nichts Schöneres, als so recht viel und mancherlei
durcheinander zu empfinden, und deutlich zu fühlen, wie durch Kopf und Herz
gleichsam goldne Sterne ziehen, und den schweren Menschen wie mit einer lieben
wohltätigen Flamme durchschimmern. Wir sollten täglich recht viele Stimmungen
und frische Anklänge zu erleben suchen, statt uns aus Trägheit in uns selbst und
die alltägliche Gewöhnlichkeit zu verlieren.«
    »Gewiss«, sagte Sternbald, »nur muss es nicht geschehen, bloß um mit uns selbst
ein Spiel zu treiben, denn das Schöne und Erspriessliche ist, dass diese
Stimmungen und Anregungen mit goldnem Schlüssel die Kammern unsers Geistes
eröffnen, und uns die Schätze zeigen, die wir selber noch nicht kannten. So
entsteht
