 Wunderbaren und Seltsamen entgegen? Man kann sich der Traumbilder
dann nicht erwehren, man erwartet eine höchst sonderbare Fortsetzung unsers
gewöhnlichen Lebenslaufs. Oft ist es, als wenn der Geist von Ariosts Dichtungen
über uns hinwegfliegt, und uns in seinen kristallenen Wirbel mit fassen wird;
nun horchen wir auf und sind auf die neue Zukunft begierig, auf alle die
Erscheinungen, die an uns mit bunten Zaubergewändern vorübergehen sollen: dann
ist es, als wollte der Waldstrom seine Melodie deutlicher aussprechen, als würde
den Bäumen die Zunge gelöst, damit ihr Rauschen in verständlichern Gesang
dahinrinne. Nun fängt die Liebe an, auf fernen Flötentönen heranzuschreiten, das
klopfende Herz will ihr entgegenfliegen, die Gegenwart ist wie durch einen
mächtigen Bannspruch festgezaubert, und die glänzenden Minuten wagen es nicht zu
entfliehen. Ein Zirkel von Wohllaut hält uns mit magischen Kräften
eingeschlossen, und ein neues verklärtes Dasein schimmert wie rätselhaftes
Mondlicht in unser wirkliches Leben hinein.«
    »O du Dichter!« rief Franz aus, »wenn du nicht so leichtsinnig wärst,
solltest du ein großes Wundergedicht erschaffen, voll von gaukelndem Glanz und
wandelnden Klängen, voll Irrlichter und Mondschimmer; ich höre dir mit Freuden
zu, und mein Herz ist schon wunderbar von diesen Worten ergriffen.«
    Nun hörten sie eine rührende Waldmusik von durcheinanderspielenden Hörnern
aus der Ferne; sie standen still und horchten, ob es Einbildung oder
Wirklichkeit sei: aber ein melodischer Gesang quoll durch die Bäume ihnen wie
ein rieselnder Bach entgegen, und Franz glaubte, die Geisterwelt habe sich wohl
plötzlich aufgeschlossen, weil sie vielleicht, ohne es zu wissen, das große
zaubernde Wort gefunden hätten; als habe nun der geheimnisvolle unsichtbare
Strom den Weg nach ihnen gelenkt, und sie in seine Fluten aufgenommen. Sie
gingen näher, die Waldhörner schwiegen, aber eine süße Stimme sang nun folgendes
Lied:
»Waldnacht! Jagdlust!
Leis und ferner
Klingen Hörner,
Hebt sich, jauchzt die freie Brust!
Töne, töne nieder zum Tal,
Freun sich, freun sich allzumal
Baum und Strauch beim munteren Schall.
Kling nur Bergquell!
Efeuranken
Dich umschwanken,
Riesle durch die Klüfte schnell!
Fliehet, flieht das Leben so fort,
Wandelt hier, dann ist es dort -
Hallt, zerschmilzt, ein luftig Wort.
Waldnacht! Jagdlust!
Dass die Liebe
Bei uns bliebe,
Wohnen blieb' in treuer Brust!
Wandelt, wandelt sich allzumal,
Fliehet gleich dem Hörnerschall: -
Einsam, einsam grünes Tal.
Kling nur Bergquell!
Ach betrogen -
Wasserwogen
Rauschen abwärts nicht so schnell!
Liebe, Leben, sie eilen hin,
Keins von beiden trägt Gewinn: -
Ach, dass ich geboren bin!«
Die Stimme schwieg, und die Hörner fielen nun wieder mit schmelzenden Akkorden
darein; dann verhallten sie
