 Sucht zu streiten, und wir
widersprechen oft, statt uns zu bemühn, die Worte des andern zu verstehen.
    Nachdem Franz eine Weile geschwiegen hatte, fuhr er fort: »Oh, mein
Florestan, was ich mir wünsche, in meinem eigentümlichen Handwerke das
auszudrücken, was mir jetzt Geist und Herz bewegt, diese Fülle der Anmut, diese
ruhige, scherzende Heiterkeit, die mich umgibt. Malen möchte ich es, wie in dem
Luftraume sich edle Geister bewegen, und durch den Frühling schreiten, so dass
aus dem Bilde ein ewiger Frühling mit unverwelklichen Blüten prangte, der jedem
Auge auch nach meinem Tode neu aufginge und den freundlichen Willkommen
entgegenbrächte. Meinst du nicht, dass es dem großen Künstler möglich sei, in
einem Historiengemälde, oder auch auf andere Weise, einem fremden Herzen das
deutlich hinzugeben, was wir jetzt empfinden?«
    »Ich glaube es wohl«, antwortete Florestan, »und vielleicht gelingt es
manchem, ohne dass er es sich gerade vorsetzt. Geh nach Rom, mein Freund, und
dieser ewige Frühling, nach dem du dich sehnst, blüht dort im Gartensaale meines
Beschützers und Freundes, des reichen Augustin Chigi. Der göttliche Raffael hat
ihn dort hingezaubert, und man nennt diese Bilder gewöhnlich die Geschichte des
Amor und der Psyche. Diese Luftgestalten schweben dort, vom blauen Äther
umgeben, und bedeutungsvoll von großen frischen Blumenkränzen und Früchten
umschlungen. Da ist alle Herrlichkeit der Erde und des Himmels, die Leiden und
die Lust der Liebe, und scherzend und wandelnd durch die Äterbläue Amor und
seine Geliebte, trauernd und froh, alle Götter im hohen Rat, und aller Ernst in
milder Lieblichkeit und alle Lieblichkeit groß und göttlich, ja die ewige
Jugend, der nie verblühende Frühling, das paradiesische Entzücken ist von dem
Jünglingsgeiste, dem prophetischen Raffael, in seiner schönsten Begeisterung
hingezaubert, die Verkündigung der Liebe und der Blumenschönheit, dass alle
Herzen der Liebe und der Sehnsucht dienen sollen: das Göttlichste, der Zauber,
der den Himmel umflicht, und die Erde mit ewiger Jugend umgürtet, ist dem
Menschenherzen vertraulich nahe gerückt, und den sterblichen Augen enthüllen
sich die Seligkeiten des Olympus. Und dann im Nebenzimmer der verkörperte Traum
süssester Wollust, Galatea im Meere, auf ihrem Muschelwagen fahrend! O mein
Franz, gedulde dich, bis du in Rom bist, dann tu Augen und Herz auf, und du
darfst nachher sterben.«
    »Ach, Raffael!« sagte Franz Sternbald, »wie viel hab ich nun schon von dir
reden hören; wenn ich dich nur noch im Leben anträfe!«
    »Ich will dir noch ein Lied vom Frühlinge singen«, sagte Rudolph.
    Sie standen beide auf, und Florestan sang. Er präludierte auf seiner Flöte,
