 Gebilde gewöhnlich luftig und
allgemein, und wagen sich nicht aus ihrer ungewissen Ferne heraus. Aus dem
Mittel zwischen beiden habe ich wie etwas Übermenschliches gesucht, und eine
Gestalt hervorgebracht, die mich zauberisch von der Tafel anblickte. Sollte die
Kunst vielleicht immer so verfahren, um Überirdisch-Unsichtbares sichtbar zu
machen? Und, sonderbarer Gedanke, kann ich vielleicht nur dichtend malen, bis
ich sie wiederfinde? und dann sollte wohl in ihrer Gegenwart mein Talent
erlöschen, weil mein Geist sie nicht mehr zu suchen brauchte? Nein, ich will es
nicht glauben, festen Mutes will ich in das Gebiet der Kunst vorrücken; ich
fühle es ja, wie mein Herz für das Edle und Schöne entzückt ist, es ist also
mein Gebiet, mein Eigentum, ich darf darin schalten und mich einheimisch fühlen.
    Wirf mir nicht Stolz vor, Sebastian; denn Du tätest mir Unrecht. Ich bin und
bleibe, wie ich war. Der Himmel schenke Dir Gesundheit. -
Nach einigen Tagen waren die Wälder, Felder und Berge grün geworden, und die
Obstbäume blühten, der Himmel war heiter und blau, sanfte Frühlingslüfte
spielten zum erstenmal durch den Sonnenschein und über die fröhliche Natur hin.
Sternbald und Rudolph waren entzückt, als sie von einem Hügel hinab in die
überschwengliche Pracht hineinschauten. Das Herz ward ihnen groß, und sie
fühlten sich beide neugeboren, von Himmel und Erde mit Liebe magnetisch
angezogen.
    »Oh, mein Freund!« rief Sternbald aus, »wie liebreizend hat sich der
Frühling so plötzlich aufgeschlossen! Wie ein melodischer Gesang, wie
angeschlagene Harfensaiten sind diese Blüten, diese Blätter herausgequollen, und
strecken sich nun der liebkosenden, warmen Luft entgegen. Der Winter ist fort,
wie eine Verfinsterung, die ein Sonnenblick von der Natur hinweggehoben. Sieh,
alles keimt und sprosst und blüht, die kleinsten Blumen, unbemerkte Kräuter
drängen sich hinzu; alle Vögel singen und jauchzen und flattern umher, in
fröhlicher Ungeduld ist die ganze Schöpfung in Bewegung, und wir sitzen hier als
Kinder, und fühlen uns dem großen Herzen der mütterlichen Natur am nächsten.«
    Rudolph nahm seine Flöte und blies ein lustiges Lied. Es schallte fröhlich
den Berg hinunter, und Lämmer im Tal fingen an zu tanzen.
    »Wenn nur der Frühling nicht so schnell vorüberginge!« sagte Rudolph; »er
ist eine Morgenbegeisterung, die die Natur selbst nicht lange aushält.«
    »Oder dass es uns nur gegeben wäre«, sagte Sternbald, »diese Fülle, diese
Allmacht der Lieblichkeit in uns zu saugen, und im hellsten Bewusstsein diese
Schätze aufzubewahren. Ich wünsche nichts mehr, als dass ich in Tönen und
Gesängen den übrigen Menschen diese Gefühle geben könnte; dass ich unter Musik
und Frühlingswehen dichtete, und
