. Hätt ich mit der Enthüllung nur alles
abgetan, ich wollt es andeuten und dann schweigen. Aber die Pflicht fordert, dass
ich das peinliche Unternehmen fortsetze.
    Schon früh entdeckte Amaliens Vater die keimenden Talente, das Zarte, Weiche
und harmonisch Gestimmte ihres Geistes. Als sie kaum zu blühen anfing, bemerkte
er schon die starke Gewalt der Musik über sie. Er ließ sie anfangs von einem
Frauenzimmer auf dem Klavier und der Harfe unterrichten; aber bald übertraf die
Schülerin die Lehrerin darin. Ihr Vater sah sich nun nach einem vollendeten
Musikus um, und diesen fand er in einem Italiener, welcher der Kapelle des
Fürsten vorstand. Es war ein junger, gefälliger, schöner Mann, der für seine
Kunst schwärmte, unbescholtne Sitten hatte und die zärtlichsten Ergiessungen der
italienischen Dichter, der Lieblinge zweier Musen, mit allem Zauber sang und
vorlas. Alle menschliche Gefühle, alle Bilder der Natur löste seine Phantasie in
Töne auf, und seine sanfte, begeisterte Gesichtsbildung findet man nur in
Gemälden seines Landsmannes Guido. Dieser Musikus nun führte die junge Amalie in
die Geheimnisse dieser bezaubernden Kunst ein und wusste ihr, da er ihr Herz und
ihren Geist nur zu berühren brauchte, das Schwere so leicht und fasslich zu
machen, dass er bald selbst über das, was er sah, erstaunte. Der Schwärmer ward
nun von seinem eignen Werke bezaubert, und sein Entzücken war eine fortdauernde
Begeisterung. Unter diesen Schwärmereien, dem Gefühle der Fortschritte, den
Entzückungen des begeisterten Lehrers ward Amaliens ganzes Dasein Musik, und die
Einbildungskraft, die feine Sinnlichkeit wurde durch die Musik in dem zarten
Mädchen zu einem solchen Grade gespannt und entwickelt, dass ihr Geist und ihr
Herz im beständigen Genuße unbeschreiblicher Wonne sich immer nach neuer, noch
höherer sehnten. Ihr Lehrer setzte für sie die süßesten Laute, die feinsten
Empfindungen, die zartesten Bilder seiner Dichter in Noten, machte ihr die ganze
Musik nur zu einer Empfindung, das schöne Glück, die süßen Schmerzen, die
sanften Klagen und die hohe Begeisterung der Liebe auszudrücken. Zugleich
unterrichtete er sie in der italienischen Sprache, und sie las bald sehr fertig
die Lieblinge dieses gefährlichen Schwärmers. So erfüllte er Amaliens Phantasie
und Seele mit Bildern, die nie erloschen, und reizte durch Musik ihre
Sinnlichkeit und ihre Einbildungskraft, ehe noch ihr Geist sich entwickelt
hatte.
    Um diese Zeit hörte sie Ferdinands kühne Äußerung. Gleich einem Blitze
zündeten seine Worte in ihrer Seele, und seine kühnen Blicke, seine schlanke,
schöne und heroische Gestalt, sein mutiges, kraftvolles Wesen wirkten so auf
sie, dass sie die Augen niederschlug. Es schien ihr, als stellte er plötzlich
alle schwankenden Träume, alle zerstreuten Bilder lebendig, vereinigt ihrer
Phantasie dar. Als Ernst sprach, konnte sie die Augen
