 Leser nicht als ein Mann vorkommen,
welcher einen der Jugend zum frohen Tanze bestimmten Saal mit schwarzem Boie
ausschlüge und unter rauschende Musik stille Trauerchöre mischte? Ich will mich
fassen, soviel ich kann.
    Ernst war von dem Minister *** zum Konzert eingeladen. Die blühende Jugend
der Stadt hatte sich da versammelt, um die Alten durch ihre in der Musik
gemachten Fortschritte in den Frühling des Lebens zurückzurufen. Amalie, die
Tochter des Ministers, hatte nun den schönsten Grad ihrer Blüte erreicht, und
vergebens würde ich es wagen, ihre Schönheit zu beschreiben; denn ihre Schönheit
hatte sich mit dem erhabenen Ausdruck des Geistes und der innern Anmut so
vermählt, dass die Seele zwar diese Harmonie wahrnehmen und in ein Bild
vereinigen kann, aber vergebens sich bemüht, sie durch sinnliche Zeichen und
zerstückelte Züge zu schildern. Das, womit die Natur sie so liebkosend
überschüttet hatte, erhielt durch die erworbenen Talente, und besonders durch
die Musik, einen solchen unwiderstehlichen Reiz, dass ihr Anblick selbst
diejenigen begeisterte, die nur für das bloß Sichtbare Sinn zu haben schienen.
    Als sie aus dem Kreise ihrer Gespielinnen hervortrat und sich dem Klaviere
näherte, erblickte sie Ernst. Er erkannte sie. Ihr Bild ruhte in seiner Seele,
ihm unbewusst; nun enthüllte es sich. In diesem Augenblick erwachte die ganze
damalige Szene in seinem Geiste; er erinnerte sich alles, der Worte Hadems über
die Romane und seines eignen Gefühls, so lebendig, als habe die Zeit bis hierher
stille gestanden. Er sah sich um und suchte Hadem, suchte ihn, als forderte er
ihn auf, mit ihm zu bewundern, als einen Geist, an den er sich um Hilfe drängte.
Amalie ging langsam an ihm vorüber, und sein Herz lispelte dem Geiste Hadems zu:
»So würde meine Göttin einhergehen, wenn sie auf Erden in menschlicher Gestalt
erschiene.« Und als sie die Saiten berührte und ihre Stimme sich mit den Tönen
des Klaviers in munteren, dann sanft klagenden und erhabenen Gefühlen vermischte,
malte sich das Bild seiner Jugend und seines ganzen Lebens, Denkens und Fühlens,
wie von einer mächtigen, kühnen Zauberhand aus Farben einer hohen Welt
geschaffen, vor seiner Seele. Und als sie aufstand und der Vater ihn seiner
Tochter, mit Entschuldigungen darüber, dass er es nicht eher getan habe,
vorstellte, zog die Liebe ihren Schleier, aus Morgenröte gewebt, leise über das
Gemälde, das vor Ernstens Seele schwebte. Soll ich Liebe nennen, was Ernst nun
fühlte? Bezeichnet dieses Wort das, was sein ganzes Dasein so plötzlich
emporhob, als löste sich alles Sterbliche und Irdische von ihm? Er trat an der
Hand des vor ihm stehenden Wesens in das Land des Unsterblichen, und, gleich dem
Gebete des Opfernden
