, wie ein unbelaubter Baum? wie ein Haupt
ohne Locken? Lieber Bellarmin! ich habe eine Weile geruht; wie ein Kind, hab ich
unter den stillen Hügeln von Salamis gelebt, vergessen des Schicksals und des
Strebens der Menschen. Seitdem ist manches anders in meinem Auge geworden, und
ich habe nun so viel Frieden in mir, um ruhig zu bleiben, bei jedem Blick ins
menschliche Leben. O Freund! am Ende söhnet der Geist mit allem uns aus. Du
wirsts nicht glauben, wenigstens von mir nicht. Aber ich meine, du solltest
sogar meinen Briefen es ansehen, wie meine Seele täglich stiller wird und
stiller. Und ich will künftig noch so viel davon sagen, bis du es glaubst.
    Hier sind Briefe von Diotima und mir, die wir uns nach meinem Abschied von
Kalaurea geschrieben. Sie sind das liebste, was ich dir vertraue. Sie sind das
wärmste Bild aus jenen Tagen meines Lebens. Vom Kriegslärm sagen sie dir wenig.
Desto mehr von meinem eigneren Leben und das ists ja, was du willst. Ach und du
musst auch sehen, wie geliebt ich war. Das konnt ich nie dir sagen, das sagt
Diotima nur.
                              Hyperion an Diotima
Ich bin erwacht aus dem Tode des Abschieds, meine Diotima! gestärkt, wie aus dem
Schlafe, richtet mein Geist sich auf.
    Ich schreibe dir von einer Spitze der Epidaurischen Berge. Da dämmert fern
in der Tiefe deine Insel, Diotima! und dortinaus mein Stadium, wo ich siegen
oder fallen muss. O Peloponnes! o ihr Quellen des Eurotas und Alpheus! Da wird es
gelten! Aus den spartanischen Wäldern, da wird, wie ein Adler, der alte
Landesgenius stürzen mit unsrem Heere, wie mit rauschenden Fittigen.
    Meine Seele ist voll von Tatenlust und voll von Liebe, Diotima, und in die
griechischen Täler blickt mein Auge hinaus, als sollt es magisch gebieten:
steigt wieder empor, ihr Städte der Götter!
    Ein Gott muss in mir sein, denn ich fühl auch unsere Trennung kaum. Wie die
seligen Schatten am Lete, lebt jetzt meine Seele mit deiner in himmlischer
Freiheit und das Schicksal waltet über unsre Liebe nicht mehr.
                              Hyperion an Diotima
Ich bin jetzt mitten im Peloponnes. In derselben Hütte, worin ich heute
übernachte, übernachtete ich einst, da ich, beinahe noch Knabe, mit Adamas diese
Gegenden durchzog. Wie saß ich da so glücklich auf der Bank vor dem Hause und
lauschte dem Geläute der fernher kommenden Karawane und dem Geplätscher des
nahen Brunnens, der unter blühenden Akazien sein silbern Gewässer ins Becken
goss.
    Jetzt bin ich wieder glücklich. Ich wandere durch dies Land, wie durch
Dodonas Hain, wo die Eichen tönten von ruhmweissagenden Sprüchen. Ich
