 als hätt ein unbegreiflich plötzlich Schicksal unsrer Liebe den Tod
geschworen, und alles Leben war hin, außer mir und allem.
    Ich schämte mich freilich des; ich wusste gewiss, das Ungefähr beherrsche
Diotimas Herz nicht. Aber wunderbar blieb sie mir immer, und mein verwöhnter
untröstlicher Sinn wollt immer offenbare gegenwärtige Liebe; verschlossne Schätze
waren verlorne Schätze für ihn. Ach! ich hatt im Glücke die Hoffnung verlernt,
ich war noch damals, wie die ungeduldigen Kinder, die um den Apfel am Baume
weinen, als wär er gar nicht da, wenn er ihnen den Mund nicht küsst. Ich hatte
keine Ruhe, ich flehte wieder, mit Ungestüm und Demut, zärtlich und zürnend, mit
ihrer ganzen allmächtigen bescheidenen Beredsamkeit rüstete die Liebe mich aus
und nun - o meine Diotima! nun hatt ich es, das reizende Bekenntnis, nun hab ich
und halt es, bis auch mich, mit allem, was an mir ist, in die alte Heimat, in
den Schoss der Natur die Woge der Liebe zurückbringt.
    Die Unschuldige! noch kannte sie die mächtige Fülle ihres Herzens nicht, und
lieblich erschrocken vor dem Reichtum in ihr, begrub sie ihn in die Tiefe der
Brust - und wie sie nun bekannte, heilige Einfalt, wie sie mit Tränen bekannte,
sie liebe zu sehr, und wie sie Abschied nahm von allem, was sie sonst am Herzen
gewiegt, o wie sie rief: abtrünnig bin ich geworden von Mai und Sommer und
Herbst, und achte des Tages und der Nacht nicht, wie sonst, gehöre dem Himmel
und der Erde nicht mehr, gehöre nur Einem, Einem, aber die Blüte des Mais und
die Flamme des Sommers und die Reife des Herbsts, die Klarheit des Tags und der
Ernst der Nacht, und Erd und Himmel ist mir in diesem Einen vereint! so lieb
ich! - und wie sie nun in voller Herzenslust mich betrachtete, wie sie, in
kühner heiliger Freude, in ihre schönen Arme mich nahm und die Stirne mir küsste
und den Mund, ha! wie das göttliche Haupt, sterbend in Wonne, mir am offenen
Halse herabsank, und die süßen Lippen an der schlagenden Brust mir ruhten und
der liebliche Otem an die Seele mir ging - o Bellarmin! die Sinne vergehen mir
und der Geist entflieht.
    Ich seh, ich sehe, wie das enden muss. Das Steuer ist in die Woge gefallen
und das Schiff wird, wie an den Füßen ein Kind, ergriffen und an die Felsen
geschleudert.
                             Hyperion an Bellarmin
Es gibt große Stunden im Leben. Wir schauen an ihnen hinauf, wie an den
kolossalischen Gestalten der Zukunft und des Altertums, wir kämpfen einen
herrlichen Kampf mit ihnen, und bestehn wir vor ihnen,
