 Gottheit.
    Indessen ging ich weiter. Mit jedem Schritte wurd es wunderbarer in mir. Ich
hätte fliegen mögen, so trieb mein Herz mich vorwärts; aber es war, als hätt ich
Blei an den Sohlen. Die Seele war vorausgeeilt, und hatte die irdischen Glieder
verlassen. Ich hörte nicht mehr und vor dem Auge dämmerten und schwankten alle
Gestalten. Der Geist war schon bei Diotima; im Morgenlichte spielte der Gipfel
des Baums, indes die unteren Zweige noch die kalte Dämmerung fühlten.
    Ach! mein Hyperion! rief jetzt mir eine Stimme entgegen; ich stürzt hinzu;
»meine Diotima! o meine Diotima!« weiter hatt ich kein Wort und keinen Otem,
kein Bewusstsein.
    Schwinde, schwinde, sterbliches Leben, dürftig Geschäft, wo der einsame
Geist die Pfennige, die er gesammelt, hin und her betrachtet und zählt! wir sind
zur Freude der Gottheit alle berufen!
    Es ist hier eine Lücke in meinem Dasein. Ich starb, und wie ich erwachte,
lag ich am Herzen des himmlischen Mädchens.
    O Leben der Liebe! wie warst du an ihr aufgegangen in voller holdseliger
Blüte! wie in leichten Schlummer gesungen von seligen Genien, lag das reizende
Köpfchen mir auf der Schulter, lächelte süßen Frieden, und schlug sein äterisch
Auge nach mir auf in fröhlichem unerfahrenem Staunen, als blickt' es eben jetzt
zum ersten Male in die Welt.
    Lange standen wir so in holder selbstvergessener Betrachtung, und keines
wusste, wie ihm geschah, bis endlich der Freude zu viel in mir sich häufte und in
Tränen und Lauten des Entzückens auch meine verlorne Sprache wieder begann, und
meine stille Begeisterte vollends wieder ins Dasein weckte.
    Endlich sahen wir uns auch wieder um.
    O meine alten freundlichen Bäume! rief Diotima, als hätte sie sie in langer
Zeit nicht gesehen, und das Andenken an ihre vorigen einsamen Tage spielt' um
ihre Freuden, lieblich, wie die Schatten um den jungfräulichen Schnee, wenn er
errötet und glüht im freudigen Abendglanze.
    Engel des Himmels! rief ich, wer kann dich fassen? wer kann sagen, er habe
ganz dich begriffen?
    Wunderst du dich, erwiderte sie, dass ich so sehr dir gut bin? Lieber!
stolzer Bescheidner! Bin ich denn auch von denen, die nicht glauben können an
dich, hab ich denn nicht dich ergründet, hab ich den Genius nicht in seinen
Wolken erkannt? Verhülle dich nur und siehe dich selbst nicht; ich will dich
hervorbeschwören, ich will -
    Aber er ist ja da, er ist hervorgegangen, wie ein Stern; er hat die Hülse
durchbrochen und steht, wie ein Frühling, da; wie ein Kristallquell aus der
düstern Grotte, ist er hervorgegangen; das ist der finstre Hyperion
