 sie
nicht sterben soll.
                             Hyperion an Bellarmin
Es ist umsonst; ich kanns mir nicht verbergen. Wohin ich auch entfliehe mit
meinen Gedanken, in die Himmel hinauf und in den Abgrund, zum Anfang und ans
Ende der Zeiten, selbst wenn ich ihm, der meine letzte Zuflucht war, der sonst
noch jede Sorge in mir verzehrte, der alle Lust und allen Schmerz des Lebens
sonst mit der Feuerflamme, worin er sich offenbarte, in mir versengte, selbst
wenn ich ihm mich in die Arme werfe, dem herrlichen geheimen Geiste der Welt, in
seine Tiefe mich tauche, wie in den bodenlosen Ozean hinab, auch da, auch da
finden die süßen Schrecken mich aus, die süßen verwirrenden tötenden Schrecken,
dass Diotimas Grab mir nah ist.
    Hörst du? hörst du? Diotimas Grab!
    Mein Herz war doch so stille geworden, und meine Liebe war begraben mit der
Toten, die ich liebte.
    Du weißt, mein Bellarmin! ich schrieb dir lange nicht von ihr, und da ich
schrieb, so schrieb ich dir gelassen, wie ich meine.
    Was ists denn nun?
    Ich gehe ans Ufer hinaus und sehe nach Kalaurea, wo sie ruht, hinüber, das
ists.
    O dass ja keiner den Kahn mir leihe, dass ja sich keiner erbarme und mir sein
Ruder biete und mir hinüberhelfe zu ihr!
    Dass ja das gute Meer nicht ruhig bleibe, damit ich nicht ein Holz mir zimmre
und hinüberschwimme zu ihr.
    Aber in die tobende See will ich mich werfen, und ihre Woge bitten, dass sie
an Diotimas Gestade mich wirft! -
    Lieber Bruder! ich tröste mein Herz mit allerlei Phantasien, ich reiche mir
manchen Schlaftrank; und es wäre wohl größer, sich zu befreien auf immer, als
sich zu behelfen mit Palliativen; aber wem gehts nicht so? Ich bin denn doch
damit zufrieden.
    Zufrieden? ach das wäre gut! da wäre ja geholfen, wo kein Gott nicht helfen
kann.
    Nun! nun! ich habe, was ich konnte, getan! Ich fodre von dem Schicksal meine
Seele.
                             Hyperion an Bellarmin
War sie nicht mein, ihr Schwestern des Schicksals, war sie nicht mein? Die
reinen Quellen fodr' ich auf zu Zeugen, und die unschuldigen Bäume, die uns
belauschten, und das Tagslicht und den Äther! war sie nicht mein? vereint mit
mir in allen Tönen des Lebens?
    Wo ist das Wesen, das, wie meines, sie erkannte? in welchem Spiegel
sammelten sich, so wie in mir, die Strahlen dieses Lichts? erschrak sie freudig
nicht vor ihrer eignen Herrlichkeit, da sie zuerst in meiner Freude sich gewahr
ward? Ach! wo ist das Herz, das so, wie meines
