
blutender Erinnerungen, nichts hatt ich ihr zu geben, als meine grenzenlose
Liebe mit ihren tausend Sorgen, ihren tausend tobenden Hoffnungen; sie aber
stand vor mir in wandelloser Schönheit, mühelos, in lächelnder Vollendung da,
und alles Sehnen, alles Träumen der Sterblichkeit, ach! alles, was in goldnen
Morgenstunden von höheren Regionen der Genius weissagt, es war alles in dieser
Einen stillen Seele erfüllt.
    Man sagt sonst, über den Sternen verhalle der Kampf, und künftig erst,
verspricht man uns, wenn unsre Hefe gesunken sei, verwandle sich in edelen
Freudenwein das gärende Leben, die Herzensruhe der Seligen sucht man sonst auf
dieser Erde nirgends mehr. Ich weiß es anders. Ich bin den nähern Weg gekommen.
Ich stand vor ihr, und hört und sah den Frieden des Himmels, und mitten im
seufzenden Chaos erschien mir Urania.
    Wie oft hab ich meine Klagen vor diesem Bilde gestillt! wie oft hat sich das
übermütige Leben und der strebende Geist besänftigt, wenn ich, in selige
Betrachtungen versunken, ihr ins Herz sah, wie man in die Quelle sieht, wenn
sie still erbebt von den Berührungen des Himmels, der in Silbertropfen auf sie
niederträufelt!
    Sie war mein Lete, diese Seele, mein heiliger Lete, woraus ich die
Vergessenheit des Daseins trank, dass ich vor ihr stand, wie ein Unsterblicher,
und freudig mich schalt, und wie nach schweren Träumen lächeln musste über alle
Ketten, die mich gedrückt.
    O ich wär ein glücklicher, ein trefflicher Mensch geworden mit ihr!
    Mit ihr! aber das ist misslungen, und nun irr ich herum in dem, was vor und
in mir ist, und drüber hinaus, und weiß nicht, was ich machen soll aus mir und
andern Dingen.
    Meine Seele ist, wie ein Fisch aus ihrem Elemente auf den Ufersand geworfen,
und windet sich und wirft sich umher, bis sie vertrocknet in der Hitze des Tags.
    Ach! gäb es nur noch etwas in der Welt für mich zu tun! gäb es eine Arbeit,
einen Krieg für mich, das sollte mich erquicken!
    Knäblein, die man von der Mutterbrust gerissen und in die Wüste geworfen,
hat einst, so sagt man, eine Wölfin gesäugt.
    Mein Herz ist nicht so glücklich.
                             Hyperion an Bellarmin
Ich kann nur hie und da ein Wörtchen von ihr sprechen. Ich muss vergessen, was
sie ganz ist, wenn ich von ihr sprechen soll. Ich muss mich täuschen, als hätte
sie vor alten Zeiten gelebt, als wüsst ich durch Erzählung einiges von ihr, wenn
ihr lebendig Bild mich nicht ergreifen soll, dass ich vergehe im Entzücken und im
Schmerz, wenn ich den Tod der Freude über sie und den Tod der Trauer um
