 der Morgenglocken herauftrug, und
jetzt das hohe Licht, das göttlichheitre den gewohnten Pfad daherkam, die Erde
bezaubernd mit unsterblichem Leben, dass ihr Herz erwarmt' und all ihre Kinder
wieder sich fühlten - o wie der Mond, der noch am Himmel blieb, die Lust des
Tags zu teilen, so stand ich Einsamer dann auch über den Ebnen und weinte
Liebestränen zu den Ufern hinab und den glänzenden Gewässern und konnte lange
das Auge nicht wenden.
    Oder des Abends, wenn ich fern ins Tal hinein geriet, zur Wiege des Quells,
wo rings die dunkeln Eichhöhn mich umrauschten, mich, wie einen
Heiligsterbenden, in ihren Frieden die Natur begrub, wenn nun die Erd ein
Schatte war, und unsichtbares Leben durch die Zweige säuselte, durch die Gipfel,
und über den Gipfeln still die Abendwolke stand, ein glänzend Gebirg, wovon
herab zu mir des Himmels Strahlen, wie die Wasserbäche flossen, um den durstigen
Wanderer zu tränken -
    O Sonne, o ihr Lüfte, rief ich dann, bei euch allein noch lebt mein Herz,
wie unter Brüdern!
    So gab ich mehr und mehr der seligen Natur mich hin und fast zu endlos. Wär
ich so gerne doch zum Kinde geworden, um ihr näher zu sein, hätt ich so gern
doch weniger gewusst und wäre geworden, wie der reine Lichtstrahl, um ihr näher
zu sein! o einen Augenblick in ihrem Frieden, ihrer Schöne mich zu fühlen, wie
viel mehr galt es vor mir, als Jahre voll Gedanken, als alle Versuche der
allesversuchenden Menschen! Wie Eis, zerschmolz, was ich gelernt, was ich getan
im Leben, und alle Entwürfe der Jugend verhallten in mir; und o ihr Lieben, die
ihr ferne seid, ihr Toten und ihr Lebenden, wie innig Eines waren wir!
    Einst saß ich fern im Feld, an einem Brunnen, im Schatten efeugrüner Felsen
und überhängender Blütenbüsche. Es war der schönste Mittag, den ich kenne. Süße
Lüfte wehten und in morgendlicher Frische glänzte noch das Land und still in
seinem heimatlichen Äther lächelte das Licht. Die Menschen waren weggegangen,
am häuslichen Tische von der Arbeit zu ruhen; allein war meine Liebe mit dem
Frühling, und ein unbegreiflich Sehnen war in mir. Diotima, rief ich, wo bist
du, o wo bist du? Und mir war, als hört ich Diotimas Stimme, die Stimme, die
mich einst erheitert in den Tagen der Freude -
    Bei den Meinen, rief sie, bin ich, bei den Deinen, die der irre
Menschengeist misskennt!
    Ein sanfter Schrecken ergriff mich und mein Denken entschlummerte in mir.
    O liebes Wort aus heilgem Munde, rief ich, da ich wieder erwacht war, liebes
Rätsel, fass ich dich
