 erhielt ich einen Brief von Notara, worin er mir schrieb:
Den Tag, nachdem sie dir zum letzten Mal geschrieben, wurde sie ganz ruhig,
sprach noch wenig Worte, sagte dann auch, dass sie lieber möcht im Feuer von der
Erde scheiden, als begraben sein, und ihre Asche sollten wir in eine Urne
sammeln, und in den Wald sie stellen, an den Ort, wo du, mein Teurer! ihr zuerst
begegnet wärst. Bald darauf, da es anfing, dunkel zu werden, sagte sie uns gute
Nacht, als wenn sie schlafen möcht, und schlug die Arme um ihr schönes Haupt;
bis gegen Morgen hörten wir sie atmen. Da es dann ganz stille wurde und ich
nichts mehr hörte, ging ich hin zu ihr und lauschte.
    O Hyperion! was soll ich weiter sagen? Es war aus und unsre Klagen weckten
sie nicht mehr.
    Es ist ein furchtbares Geheimnis, dass ein solches Leben sterben soll und ich
will es dir gestehen, ich selber habe weder Sinn noch Glauben, seit ich das mit
ansah.
    Doch immer besser ist ein schöner Tod, Hyperion! denn solch ein schläfrig
Leben, wie das unsre nun ist.
    Die Fliegen abzuwehren, das ist künftig unsre Arbeit und zu nagen an den
Dingen der Welt, wie Kinder an der dürren Feigenwurzel, das ist endlich unsre
Freude. Alt zu werden unter jugendlichen Völkern, scheint mir eine Lust, doch
alt zu werden, da wo alles alt ist, scheint mir schlimmer, denn alles. -
    Ich möchte fast dir raten, mein Hyperion! dass du nicht hieher kommst. Ich
kenne dich. Es würde dir die Sinne nehmen. Überdies bist du nicht sicher hier.
Mein Teurer! denk an Diotimas Mutter, denk an mich und schone dich!
    Ich will es dir gestehen, mir schaudert, wenn ich dein Schicksal überdenke.
Aber ich meine doch auch, der brennende Sommer trockne nicht die tieferen
Quellen, nur den seichten Regenbach aus. Ich habe dich in Augenblicken gesehen,
Hyperion! wo du mir ein höher Wesen schienst. Du bist nun auf der Probe, und es
muss sich zeigen, wer du bist. Leb wohl.
    So schrieb Notara; und du fragst, mein Bellarmin! wie jetzt mir ist, indem
ich dies erzähle?
    Bester! ich bin ruhig, denn ich will nichts Bessers haben, als die Götter.
Muss nicht alles leiden? Und je trefflicher es ist, je tiefer! Leidet nicht die
heilige Natur? O meine Gottheit! dass du trauern könntest, wie du selig bist, das
konnt ich lange nicht fassen. Aber die Wonne, die nicht leidet, ist Schlaf, und
ohne Tod ist kein Leben. Solltest
