 scheun die Götterfreiheit,
die der Tod uns gibt?
    Ich aber nicht! ich habe mich des Stückwerks überhoben, das die
Menschenhände gemacht, ich hab es gefühlt, das Leben der Natur, das höher ist,
denn alle Gedanken - wenn ich auch zur Pflanze würde, wäre denn der Schade so
groß? - Ich werde sein. Wie sollt ich mich verlieren aus der Sphäre des Lebens,
worin die ewige Liebe, die allen gemein ist, die Naturen alle zusammenhält? wie
sollt ich scheiden aus dem Bunde, der die Wesen alle verknüpft? Der bricht so
leicht nicht, wie die losen Bande dieser Zeit. Der ist nicht, wie ein Markttag,
wo das Volk zusammenläuft und lärmt und auseinandergeht. Nein! bei dem Geiste,
der uns einiget, bei dem Gottesgeiste, der jedem eigen ist und allen gemein!
nein! nein! im Bunde der Natur ist Treue kein Traum. Wir trennen uns nur, um
inniger einig zu sein, göttlicher friedlich mit allem, mit uns. Wir sterben, um
zu leben.
    Ich werde sein; ich frage nicht, was ich werde. Zu sein, zu leben, das ist
genug, das ist die Ehre der Götter; und darum ist sich alles gleich, was nur ein
Leben ist, in der göttlichen Welt, und es gibt in ihr nicht Herren und Knechte.
Es leben umeinander die Naturen, wie Liebende; sie haben alles gemein, Geist,
Freude und ewige Jugend.
    Beständigkeit haben die Sterne gewählt, in stiller Lebensfülle wallen sie
stets und kennen das Alter nicht. Wir stellen im Wechsel das Vollendete dar; in
wandelnde Melodien teilen wir die großen Akkorde der Freude. Wie Harfenspieler
um die Tronen der Ältesten, leben wir, selbst göttlich, um die stillen Götter
der Welt, mit dem flüchtigen Lebensliede mildern wir den seligen Ernst des
Sonnengotts und der andern.
    Sieh auf in die Welt! Ist sie nicht, wie ein wandelnder Triumphzug, wo die
Natur den ewigen Sieg über alle Verderbnis feiert? und führt nicht zur
Verherrlichung das Leben den Tod mit sich, in goldenen Ketten, wie der Feldherr
einst die gefangenen Könige mit sich geführt? und wir, wir sind wie die
Jungfrauen und die Jünglinge, die mit Tanz und Gesang, in wechselnden Gestalten
und Tönen den majestätischen Zug geleiten.
    Nun lass mich schweigen. Mehr zu sagen, wäre zu viel. Wir werden wohl uns
wieder begegnen. -
    Trauernder Jüngling! bald, bald wirst du glücklicher sein. Dir ist dein
Lorbeer nicht gereift und deine Myrten verblühten, denn Priester sollst du sein
der göttlichen Natur, und die dichterischen Tage keimen dir schon.
    O könnt ich dich sehen in deiner künftigen Schöne! Lebe wohl.
Zugleich
