 bluten, bis
du mit einer andern die Narben bedeckst, und die Erde wird dich immer stärker
schütteln, wenn du allein stehst - und nur um den Einsamen schleichen
Gespenster. - - Emanuel, bist du nicht ruhig und sanft und nachsichtig? - Sehnet
sich deine Seele nicht, alle Menschen zu lieben, und ist ihr nicht ein einziges
Herz zu enge, in das sie mit ihrer Liebe wie eine Biene in eine eingeschlafene
Tulpe eingeschlossen ist? - Hast du nicht satt das Repetierwerk unseres Freuden-
und Trauergeläutes, die Familienähnlichkeit aller Abende und Zeiten? - Schauest
du nicht von dieser dahingerissenen Erde hinaus auf deinen langen Weg über dir,
damit dich nicht ekle und schwindle, wie man eben deswegen aus dem Wagen auf die
Straße sieht? - Glaubst du nicht an Menschen, um welche die Bergluft einer
höheren Stellung geht, und die oben auf ihrem Berge mitten in einem stillen
Himmel stehen und herunterschauen in die Donner und Regenbogen an der Erde? -
Glaubst du nicht an Gott und suchst seine Gedanken auf in den Lineamenten der
Natur und seine ewige Liebe in deiner Brust? - -Wenn du das alles bist und
denkst, so bist du mein; denn du bist besser als ich, und meine Seele will sich
heben an einem höheren Freund. Baum des höheren Lebens, ich umfasse dich, ich
umstricke dich mit tausend Kräften und Zweigen, damit ich aufsteige aus dem
zertretenen Kot um mich! - Ach von einem großen Menschen könnte ich geheilt,
gestillet, erquickt, erhoben werden - ich Armer, nur an Wünschen reich -
zerrüttet vom Kriege zwischen meinen Träumen und meinen Sinnen - wund hin- und
hergeschlagen zwischen Systemen, Tränen und Narrheiten - anekelnd die Erde, die
ich mir nicht ersetzen kann, lachend über die weinerliche Komödie bloß aus
Jammer, und der widersprechendste, betrübteste und lustigste Schatten unter den
Schatten in der weiten Nacht.... O! schöne, gute Seele, liebe mich!
                                                                        Horion.«
Den Kopf auf die Hand gestützt, ließ er so lange seine Tränen, ohne zu denken
und ohne zu sehen, rinnen, bis die Natur ein Ende machte. Dann trat er ans
Klavier und sang unter dessen Begleitung die heftigsten Stellen seines Briefes
ab; was ihn stark bewegte, trieb ihn allezeit zum Singen an, besonders der
Affekt der Sehnsucht. Was kann es uns verschlagen, dass es Prose war?
    Bei der letzten Zeile seines Briefgesanges ging langsam die Türe auf: »Du
bists?« sagte eine Stimme. »Ach komm herein, Flamin!« antwortete er. »Ich wollte
nur sehen, ob du zurück wärest«, sagte Flamin und ging. -
    - Ich denke, es ist nötig, dass ich wenigstens
