
bezeichnen wie die Ohrensprache. - Sooft ich einen Taubstummen zum Abendmahl
gehen sehe, denk' ich daran, dass aller Unterricht nichts in den Menschen bringe,
sondern nur das Dagewesene bezeichne und ordne. - Die Kindesseele ist ihr eigener
Zeichenmeister, der Sprachlehrer der Kolorist derselben.« - »Wie,« fuhr sie
fort, »wenn dieser schöne Abend einmal wieder vor die Erinnerung dieses Kleinen
käme? Warum sieht das sechste Jahr schöner in der Erinnerung aus als das
zwölfte, und das dritte noch schöner?« - Eine schöne Frau unterbricht man nicht
so leicht wie einen Exdekan; sie durfte also darauf kommen: »Herr Emanuel sagte
einmal, man sollte den Kindern in jedem Jahre ihre vergangenen erzählen, damit
sie einmal durch alle Jahre durchblicken könnten bis ins zweite neblichte
hinein.« Mir ist, als hört' ich die oben gedachte Hofdame leibhaftig sprechen,
unter deren dünnen Blonden mehr Philosophie blieb als unter manchem
Doktor-Filzhut, wie Quecksilber im Flor beklebt und durch Leder rinnt. Viktor
antwortete mit der gewöhnlichen Teilnahme seines guten Herzens: »Emanuel steht
nahe am Menschen und kennt ihn - Den umgaukelten Menschen führen zwei
Prospektmalerinnen durch das ganze Theater, die Erinnerung und die Hoffnung - in
der Gegenwart ist er ängstlich, das Vergnügen wird ihm nur in tausend
lilliputische Augenblicke eingeschenkt wie dem Gulliver; wie soll das berauschen
oder sättigen? - Wenn wir uns einen vergnügten Tag vorstellen, so drängen wir
ihn in einen einzigen freudigen Gedanken; kommen wir hinan, so wird dieser
Gedanke unter den ganzen Tag verdünnt.« -
    »Daran denk' ich,« versetzte sie, »sooft ich durch Wiesen gehe: in der Ferne
stehen Blumen an Blumen - aber in der Nähe sind sie alle durch Gras auseinander
gerückt. - Aber am Ende wird doch auch die Erinnerung bloß in der Gegenwart
genossen«.... Viktor dachte bloß über die Blumen nach und sagte vertieft: »Und
in der Nacht sehen die Blumen selber wie Gras aus« - als es plötzlich zu tropfen
anfing.
    Sie traten alle feierlich in das Gartenhaus, auf dessen Dache der Regen
aufschlug, indes in die offline Fenster der auf- und zugedeckte Mond wie ein
Gletscher seine Schneeblitze hineinwarf- der laue Blüten-Atem der ganzen
leuchtenden Landschaft hauchte jeden menschlichen Seufzer, jeden schweren Busen
heilend an. - In dieser engen Nähe, durch die mit dem Monde abwechselnde Nacht
abgeschieden von der Natur, musste man zur Nachbarschaft, zum alten Klaviere
flüchten. Klotildens Stimme konnte die Flöten-Begleitung des äußern
Regen-Gelispels sein. Die Pfarrerin bat sie darum, und zwar um ihre Lieblingarie
aus Bendas Romeo: »Vielleicht, verlorne Ruh'! vielleicht find' ich dich im Grabe
wieder« etc
