 gings anders. Unter Viktors Gehirnhäuten hatte irgendein
Poltergeist im innern Schriftkasten alle Lettern seiner Ideen so untereinander
geworfen, dass er bisher lustig, aber unzufrieden war - er hatte versucht,
Agatens Haare auf- und abzulocken, ihre Doppelschleifen in ungleiche und eben
darum wieder in gleiche Hälften zu zerren - aber es hatt' ihm nicht wie sonst
gefallen - die heutigen Zwischenspiele der häuslichen Liebe hatten seine ganze
scherzende Seele aus den Fugen gezogen, und es war ihm, als wenn er, entfernt
von der jetzigen Freude, wenigstens auf einige Minuten froher sein würde in
irgendeiner stillen Ecke, und besonders sehnt' er sich, die Sonne untergehen zu
sehen. - -
    Dazu kam noch mehr: der Anblick von Klotildens wärmerer Liebe gegen Agathe -
der Anblick seines Freundes, der durch seine schweigende Zärtlichkeit, durch
seine mildere Stimme, durch eine an heftigen Menschen so unwiderstehliche
Ergebenheit jedem Herzen befahl: liebe mich! - und endlich der Anblick der
Nacht...
    Er war schon längst traurig, als er noch lustig schien. Jetzt brachte die
Mutter den kleinen Held des heutigen Vormittags in den lauen Abendhimmel heraus.
Sie standen alle außerhalb der Garten-Stiftshütte, im ersten Tempel des
andächtigen Menschen. In die Wolken floss das Abend-Blut der versinkenden Sonne,
wie ins Meer das Blut seiner in der Tiefe sterbenden Riesen. Das lockere Gewölke
langte nicht zu, den Himmel zu decken; es schwamm um den Mond herum und ließ
sein bleiches Silber aus den Schlacken blicken.
    Das rote Gewölke schminkte den Säugling. Jeder fasste leise seine weichen
Hände, die schon aus der Kissen-Knospe und Wickelbänder-Verpuppung brachen.
Klotilde - anstatt an den Kleinen körperliche kokette Liebkosungen zu
verschwenden, wie manche Mädchen vor oder für Mannspersonen tun - goss einen
fortströmenden Blick voll herzlicher Liebe auf den neuen Menschen nieder, band
seine schneidenden Hemd-Ärmel auf, verbauete ihm den angeschielten Mond und
sagte spielend: »Lächle her und liebe mich, Sebastian!« Sie konnte unmöglich
metaphorische Rikoschet-Schüsse in diese Zeile laden; auch wusste der große
uneingewickelte Sebastian recht gut, dass sie keinen Doppelsinn vorausgesehen; ja
er kannte die Regel, dass man aus der Ängstlichkeit, womit einige gewisse
Gedanken aus ihrem Sprechen bannen, die Gegenwart derselben in ihrem Kopfe
errate. Gleichwohl hatt' er doch nicht den Mut, zu lächeln wie die andern, oder
das von ihr berührte Händchen in seines zu nehmen. Sie kehrte sich zu ihm und
sagte: »Aber wie lernt das Kind unsere Sprache, wenn es nicht schon eine kann?«
    »Ich hab' es bloß aus Liebe zu den Weltweisen mit Schwabacher drucken
lassen.«
    »Also muss«, antwortete er, »die pantomimische Sprache gerade so viel
