 Augen auf den freundschaftlichen Lippen der Schülerin, die der
Geschmack an einem erhabenen Sonderling adelte. Sie fand hier den ersten Mann,
den sie in einen ungeheuchelten Enthusiasmus für ihren pytagorischen Liebling
setzte; und alle ihre Schönheiten wandten sich blühend nach Emanuels Bild, wie
Blumen nach der Sonne. Zwei schöne Seelen entdecken ihre Verwandtschaft am
ersten in der gleichen Liebe, die sie an eine dritte bindet. Das volle
begeisterte Herz verschweigt und verhüllt sich gern in einem Putzzimmer, das
lauter ungleichartige hegt; aber wenn es darin sein zweites antrifft, so muss es
darüber sein Verstummen und Verhüllen und das Putzzimmer vergessen.
    Viktors Quecksilber seiner morgendlichen Lustigkeit war um zehn Grade
gefallen. In seiner dämmernden Seele ragte nichts hervor als der Zettel, den er
lesen wollte und auch schon las draußen auf der Gasse; und vorher schied er.
    Das Blatt war aus Klotildens fliegendem Stammbuch geflattert und von -
Emanuel geschrieben.
    »Der Mensch hat hier drittalb Minuten, eine zu lächeln - eine zu seufzen -
und eine halbe zu lieben; denn mitten in dieser Minute stirbt er.
    Aber das Grab ist nicht tief, es ist der leuchtende Fußtritt eines Engels,
der uns sucht. Wenn die unbekannte Hand den letzten Pfeil an das Haupt des
Menschen sendet: so bückt er vorher das Haupt, und der Pfeil hebt bloß die
Dornenkrone von seinen Wunden ab.12
    Und mit dieser Hoffnung zieh aus Maiental, edle Seele; aber weder
Weltteile, noch Gräber, noch die zweite Welt können zwei Menschen zertrennen
oder verbinden; sondern nur Gedanken scheiden und gatten die Seelen. -
    O dein Leben hänge voll Blüten! Aus deinem ersten Paradies müsse ein
zweites, wie mitten aus einer Rose eine zweite, spriessen! Die Erde müsse dir
schimmern, als ständest du über ihr und sähest ihrem Zug im Himmel nach! - Und
wie Moses starb, weil ihn Gott küsste: so sei dein Leben ein langer Kuss des
Ewigen! Und dein Tod werde meiner....
                                                                       Emanuel.«
»O du guter, guter Geist!« (rief Viktor) »ich kann dich nun nicht mehr vergessen
- du musst, du wirst mein schwaches Herz annehmen!« Von seinen innern Saiten
waren jetzt die Dunsttropfen, die ihren Klang aufhielten, abgefallen. Sein Kopf
wurde eine helle Landschaft, in der nichts stand als Emanuels glänzende Gestalt.
Er kam mit einem selig bewegten Angesicht spät im Pfarrhaus an; und in dieser
Glut stellte er vor seinen Zuschauern das Bild von Klotilden auf, dem er von
einem Engel alles, sogar Flügel gab, welche ein kurzes Verweilen drohten. Seine
Freundschaft erhob ihn über den Argwohn eines Argwohns so sehr, dass er seinem
Freunde keine wärmere und zärtere Probe derselben zu geben glaubte als
